... Das trifft es wohl am ehesten. Figaro ist ja durchaus ein zeitloses Stück, das dachte sich auch Regisseur Christoph Marthaler. Aus diesem Grund brachte er seine Sichtweise des Mozartschen Meisterwerks 2001 auf die Bühnen der Salzburger Festspiele 2001 und eben letztes Jahr nach Paris in die Opera National. Das Sängerensemble ist fast identisch wie in Salzburg, nur ist Mozart geistig in Paris weniger zu Hause als in der Festspielstadt an der Salzach, was man als Zuhörer ein wenig zu spüren bekommt. Dieser Figaro ist witzig und sehr ironisch, ohne großartig tiefgründig zu sein (bei einem Stück wie dem FIGARO auch nicht notwendig). Im 1. Akt befindet man sich z.B. nicht wie gewohnt in den Gemächern von Figaro und seiner Verlobten Susanna, sondern in einem "Heiratsschuppen", in dem beide arbeiten und von der Brautausstattung bis zur Ehelichung alles anbieten. Die Figuren haben nicht den üblichen Stellenwert wie von Mozart und Beaumarchais ursprünglich vorgesehen. So ist die Gräfin keine wirkliche Gräfin, sondern eine einfache adlige, die ebenso in der Hochzeitsbranche tätig ist wie Figaro und Susanna.
Lorenzo Regazzo ist als Figaro sicherlich nicht der gutaussehende gestandene Mann wie ihn z.B. Ildebrando D'Arcangelo verkörpert hat, steht ihm stimmlich aber in keiner Weise nach. Ein schönes Timbre, gepaar mit anständigem Kern in der Stimme.
Die Susanna der Heidi Grant Murphy ist langweilig naiv. Stimmlich eher klein, wächst Murphy selten über sich hinaus und kann ihre Stimme nie wirklich entfalten (schon garnicht in der Höhe). Sie macht die Susanna zum Dummchen 1. Klasse und man mag sich nicht wirklich mit dieser Rollengestaltung anfreuden. Dafür gab es einfach schon so kluge Gestaltungen toller Sängerinnen, als dass man sich mit Murphy zufrieden gibt und die Rolle zu unachtsam abtut. Schade ...
Christiane Oelze und Peter Mattei sind stimmlich ein fabelhaftes Grafenpaar. Oelze bekam von allen Sängern leider die schlechteste Kritik, für mich nicht nachvollziehbar. Ihre Stimme ist wunderbar lyrisch und noch so unverbraucht, praktisch sehr geeignet für eine Gräfin in den besten Jahren. 2001 noch selber Susanna in Marthalers Salzburger Produktion, ist sie nun die gereifte Gräfin. Sicher, die "Porgi Amor" Arie wirkt sehr gefühlslos gesungen und fast geschrien, dafür weiß sie aber sehr klug "Dove Sono" zu gestalten, wo man ihren inneren Schmerz deutlich zu spüren bekommt. Man hört scheinbar ihre seelischen Seufzer. Peter Mattei hat stimmlich alles was ein Graf braucht! Kraftvoll und selbstbewusst tritt er dem Publikum entgegen und gestaltet ein wunderbares Bild.
Der Cherubino von Christine Schäfer ist vielgerühmt und jedem Opernliebhaber aus Salzburg bekannt. 2001 sang sie bereits die Rolle in Marthalers Produktion in Salzburg und eben letztes Jahr neben Anna Netrebko und Ildebrando D'Arcangelo. Zuvor jedoch im Februar in Paris, eine super Vorbereitung für Salzburg. Stimmlich einwandfrei und zum verlieben schön, ist sie hier jedoch schrecklich anzusehen. Ein ekliger Teenager eben, mit jeglichen modischen Fehltritten die man sich nur vorstellen kann ...