Cosi ist wohl die Oper von Mozart, die von Anbeginn die meisten Widersprüche hervorgerufen hat, trotz der Schönheit der Musik. Was musste diese Oper nicht alles über sich ergehen lassen, weil sie sich nicht einordnen ließ in Gut und Böse. Umdeutung, Verfälschungen, Neuübersetzungen - um bloß nicht die Originalfassung ertragen zu müssen. Doch bislang ohne ernsthafte Folgen. Die Musik ist so quicklebendig und aktuell, wie das Bäumchen-Bäumchen-wechsel-dich-Spiel auch. Genau das hat Doris Dörries als ‚Nicht-Opern-Fachfrau' wohl instinktiv gespürt und ihre knackige Version auf die Bühne gebracht. Erst durch die Verlegung ins Berlin der 70er Jahre wird die Sprengkraft des Stoffes, sein toller Witz, aber auch seine schwarze Bosheit, begreiflich und spürbar: keusche Treue gegen lustvolles Tändeln. Guglielmo verführt nicht nur stimmlich, sondern auch in Unterhose. Mozart damit zu demontieren, brauchte Doris Dörries nicht zu befürchten. Dass Mozart nicht nur der apollinische Jüngling, sondern auch der Zotenreißer war, wissen wir spätestens seit dem Film ‚Amadeus'.
Der Kontrast des biederen Vorstadtmilieus mit genormter Einbauküche, belegtem Pausenbrot, gebügeltem Hemd und manikürter Gartenhecke gegen die einbrechende Welt der Buntheit, Ungezwungenheit und Verführung verwirrt nicht nur die beiden Schwestern, sondern auch die Zuschauer. Wenn Guglielmo mit seiner Stablampe ins Publikum leuchtet, trifft er nur auf erschreckte Gesichter, wo doch heitere Gesichter zu erwarten waren! Aber das ist Berlin im Jahre 2001.
Durch diese Inszenierung ohne historischen Ballast bekommt ‚Cosi fan tutte' das zurück, was Mozart und da Ponte wohl von Anfang an wollten: Uns einen Spiegel der eigenen Unzulänglichkeit und Verführbarkeit vorzuhalten. Ein köstlicher Spaß, wenn man auch über sich selber lachen kann!