Diese Aufführung des Don Giovanni gehört für mich zu den besten, die ich je gesehen habe.
Rodney Gilfry ist ein faszinierender Don Giovanni, der die vielen Facetten seiner Rolle sowohl stimmlich als auch schauspielerisch hervorragend meistert. Ob er Zerlina oder Elviras Zofe zärtlich umschmeichelt, Elvira im Finale verspottet, sich trotzig und stolz dem Komtur und der Hölle entgegenstellt, voll übersprudeldem Temperament oder wütend und schlecht gelaunt ist - Gilfry trifft immer den richtigen Tonfall. Doch nicht nur die sängerische Leistung überzeugt: Gilfry ist auch - was bei Opernsängern eher selten anzutreffen ist - ein sehr guter Schauspieler, der sich vor Nahaufnahmen der Kamera nicht fürchten muss (z.B. wenn ihm das zynische Lächeln im Gesicht gefriert als Leporello die Inschrift an der Statue des Komturs vorliest...) - zusammen mit seinem guten Aussehen ergibt das eine Idelabesetzung für den Don Giovanni.
Ebenfalls eine hervorragende Leistung bietet Cecilia Bartoli in der Rolle der Elvira. So furios habe ich die Rachearien im ersten Akt noch nie gehört und man versteht, dass Don Giovanni, sobald er sie erkennt, in Deckung geht. Die Wut und den Kummer der Elvira stellt sie absolut überzeugend dar. Auch schauspielerisch gelingt ihr die Darstellung der Rolle hervorragend.
Gilfry und Bartoli dominieren das Bühnengeschehen, sobald sie auf der Bühne sind. Gegen diese beiden fällt der Rest der Besetzung etwas ab:
Gut: Lázló Polgár als Leporello; bemerkenswert: Oliver Widmer als Masetto, mit großem schauspielerischem Talent. Liliana Nikiteanu hat für die Zerlina eine recht "schwere" Stimme, aber sie singt ihren Part mit viel Gefühl. Blass dagegen bleiben Isabel Rey (Donna Anna) mit leichten Schwierigkeiten in der Höhe und Roberto Saccà (Don Ottavio), was wohl an der Rolle liegt, denn die stimmliche Leistung ist sauber und gut. Auch Matti Salminen als Commendatore hätte man sich etwas furchterregender gewünscht.
Das Dirigat von Harnoncourt ist temperamentvoll, der Orchesterton klar und durchsichtig. Harnoncourt bietet teilweise überraschende Tempi - beispielsweise scheint er bei der Champagner-Arie einen neuen Geschwindigkeitsrekord aufstellen zu wollen - diese eröffnen aber oft eine neue Sichtweise auf die Oper.
Flimms Regiearbeit ist recht konventionell (was mir persönlich gut gefällt) mit guter, durchdachter Personenführung. Da die meisten Szenen im Don Giovanni in der Nacht spielen, ist die Bühne oft recht dunkel - es empfiehlt sich daher, die DVD im abgedunkelten Zimmer anzuschauen.
Die DVD bietet ein gutes Bild im 16:9-Format und einen Ton in PCM-Stereo sowie in Dolby Digital 5.1 - da kann man nicht meckern. Worüber man dagegen meckern kann ist die Aufteilung der Akte auf die zwei DVDs: Auf der ersten DVD befinden sich der erste Akt sowie ein Teil des zweiten Aktes bis zur Arie der Elvira. Auf der zweiten DVD befindet sich der Rest des zweiten Aktes und ein paar Interviews mit den Künstlern. Was die Produktionsfirma dazu bewogen hat, den zweiten Akt mittendrin auseinanderzureißen, erschließt sich mir beim besten Willen nicht! Was den 5. Bewertungspunkt jedoch noch gerettet hat, ist, dass dies meiner Auffassung nach die beste DVD-Einspielung des Don Giovanni ist, die es zur Zeit auf dem Markt gibt. Trotz kleinerer Mängel kann ich sie zum Kauf nur empfehlen.