Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich bin kein grundsätzlicher Gegner des modernen Regietheaters. Da gibt es eine Menge beachtenswerter Inszenierungen. Ich denke da an Peter Sellars' Da-Ponte-Zyklus und hierbei vor allem an "Le Nozze di Figaro" - das ist konsequent und stimmig in unsere Zeit übertragenes Theater. Oder auch der mittlerweile 25 Jahre alte "Figaro" von Peter Zadek an der Stuttgarter Staatsoper, oder die Nachfolgeinszenierung von Nigel Lowery. Es ist absolut nichts dagegen einzuwenden, aus einer opera buffa ein wenig Slapstick herauszukitzeln. Allerdings wurde in allen genannten Beispielen der plot beibehalten.
Und genau hier läuft Stefan Herheims "Entführung" von 2006 bei den Salzburger Festspielen ins Leere: Der Regisseur hat dem Singspiel jeden Handlungszusammenhang gründlich ausgetrieben. Herausgekommen ist eine Art Revue, frei nach dem Motto "Szenen einer Ehe". (Ich frage mich manchmal, ob moderne Regisseure ihre Ideen nicht besser realisieren könnten, wenn sie gleich ein neues Stück schrieben. Muss denn zur Umsetzung ihrer message" unbedingt Mozarts wundervolle Musik den Rahmen abgeben - um dann lediglich ein lächerliches Abziehbild des ursprünglichen Stückes entstehen zu lassen?)
Die Sprechrolle des Bassa Selim wurde ganz gestrichen. Eine erstaunliche Entscheidung angesichts der vielen eingefügten Dialoge, die, wenn ihr Autor sich der gebundenen Sprache bedient, in ihrer metrischen Stümperhaftigkeit geradezu peinlich berühren. Zum Teil gehen diese neuen Textpassagen nicht über Poesiealbum-Niveau hinaus. - Nichtsdestoweniger (die von Mozart auskomponierten Texte hat man ja unverändert übernommen) heißt es dann "Singt dem großen Bassa Lieder!"
Ist es nicht eben Bassa Selim, der Renegat, der im Original für aufklärerisches Gedankengut steht? Bei Herheim konvertiert am Ende Osmin zum Christentum -jedenfalls legt dies das Kreuz, das er an einer Kette um den Hals trägt, nahe. Herheim lässt den also Bekehrten Texte sprechen, die ursprünglich dem Bassa gehören. Um ihn dann im Schluss-Vaudeville mit dem Textzitat aus dem 1. Akt "Erst geköpft, dann gehangen" wieder"rückfällig" werden zu lassen. Die Oper endet traditionell mit "Bassa Selim lebe lange". Was bitte soll der Quatsch, eine gestrichene Person hochleben zu lassen?
Musikalisch ist alles im grünen Bereich. Das Mozarteum-Orchester unter Ivor Bolton begleitet kernig-kraftvoll, wenngleich etwas vibratoarm. Die sängerischen Leistungen sind durchweg gut. Die etwas akzentbehaftete Aussprache der meist ausländischen Sänger stört kaum (die hat man ja Araiza und Talvela in Everdings legendärer Münchner Inszenierung mit Böhm am Dirigentenpult auch nicht übel genommen). Aber angesichts der konfusen Inszenierung ist es schade um den relativ hohen Aufwand in Sachen Bühnenbild und Kostüme. - Musikalisch 4 Sterne, szenisch zwei.