Viele Kenner sehen die wahre Größe Wolfgang Amadeus Mozarts in seinen kammermusikalischen Perlen. Seine Streichquartette und Streichquintette sind gewiss Meilensteine abendländischer Musikgeschichte.
Neben seinen sechs sogenannten Haydn Quartetten und seinen späten vier Quartetten befinden sich auf diesem wundervollen Box Set noch die mittleren beiden Streichquintette, das Klavierquartett KV 493 sowie das Klavierkonzert KV 414 in einer Bearbeitung für Klavierquintett von Mozarts eigener Hand.
In seinen Joseph Haydn gewidmeten Streichquartetten, die von vielen als das Herz des Quartettschaffens Mozarts angesehen werden, erkundete der Komponist Neuland. Die neuen Werke wurden umfangreicher, melodiös reicher und experimentierten zusehends mit der Form. Das sieht man bereits am hervorragenden 14. Streichquartett in G Dur KV 387: Ein derart komplexes und umfangreiches Menuett hatte es in einem Streichquartett vorher nur selten gegeben. Auch der üppige Kopfsatz und der reich verzierte langsame Satz zeugen von diesen Fortschritten. Die Tatsache, dass Mozart das Menuett bereits an die zweite Stelle setzt, ist ebenso als bemerkenswert zu klassifizieren.
Das gemäßigte, herbe d moll Quartett KV 421 und das Es Dur Quartett KV 428 gehören ohne Frage zu den besten Streichquartetten des Wiener Klassikers. Besonders im langen Satz des letzteren durchforscht er verborgene Gebiete, schöpft den Klangumfang der vier Streicher voll aus.
Die zwei Quartette KV 458 in B Dur mit dem Beinamen "Jagdquartett" und KV 464 in A Dur sind schöne Beispiele für einen sorglosen, beschwingten Mozart, denn selbst in den langsamen und düsteren Episoden der Werke will keine rechte Bedrückung aufkommen.
Großartig ist auch das sogenannte "Dissonanzenquartett" in C Dur KV 465, dessen beinahe atonale Einleitung die zeitgenössischen Hörer gewiss schockieren musste.
Die vier späten Streichquartette sind ganz besondere Kleinodien. Das "Hoffmeister Quartett" in D Dur KV 499 zählt zu den besten Quartetten Mozarts. Der zierliche, umfassende erste Satz und das berückende, liebliche Adagio sind einfach herrlich.
Die drei letzten Quartette KV 575 in D Dur, KV 589 in B Dur und KV 590 in F Dur tragen den Beinamen "preußische Quartette". Die klar geführten Linien, die getragenen, tiefsinnigen langsamen Sätze und der gemessene Habitus der Ecksätze setzen dem mozartschen Streichquartettschaffen wahrlich die Krone auf. Man höre sich nur das Andante aus KV 590 an oder das Menuett desselben Stückes!
In keiner anderen kammermusikalischen Gattung kam Mozart Beethoven je so nahe wie in der Gattung des Streichquintetts, von denen er sechs Stück schrieb. Die mittleren beiden KV 515 in C Dur und KV 516 in g moll gelten als die großartigsten. Das verwundert nicht, denn Mozart verdichtet die musikalische Aussage in diesen Kompositionen enorm und gewinnt durch den Einsatz einer zweiten Bratsche einen noch größeren Tonraum zum Ausfechten persönlicher oder philosophischer Problemstellungen.
Allein der Kopfsatz von KV 515 hat eine Spieldauer von beinahe einer Viertelstunde. Oder man werfe einen Blick auf den schwer zu durchdringenden Eingangssatz von KV 516. Einen ganz besonders eleganten und überraschenden Effenkt erhascht Mozart durch die düstere, schwere Einleitung zum Finale desselben Stückes, die unversehens in ein heiteres, lockeres Allegro mündet.
Weniger bekannt sind Mozarts Klavierquartette. Das hier eingespielte Stück KV 493 in Es Dur beweist aber insbesondere in seinem üppigen, warmen langsamen Satz und seinem pittoresken Schlusssatz, dass die Beschäftigung mit diesen Kompositionen durchaus lohnt.
Sein zwölftes Klavierkonzert KV 414 in A Dur arrangierte Mozart nachträglich für Klavier und Streichquartett. Zwar ist die Originalversion grundsätzlich der kammermusikalischen Besetzung vorzuziehen, aber dennoch hat die vorliegende Variante ihre Berechtigung.
Das Alban Berg Quartett legt mit der Einspielung dieses Querschnitts durch das kammermusikalische Schaffen Mozarts ein eindrucksvolles Zeugnis ihres breit gefächerten Repertoires und ihrer Fähigkeit darüber ab, sich in jeden Komponisten, in jedes von ihnen interpretierte Stück hinein zu versetzen. Technisch perfekt bieten sie die vorliegenden Stücke flott, fein nuanciert, perlend und scharf, sehr scharf akzentuiert dar. Unterstützt werden sie durch Markus Wolf an der zweiten Bratsche in den Quintetten und von Alfred Brendel am Klavier, der mal wieder Gewaltiges leistet. Die Aufnahmequalität dieser Ende der 80er und 90er entstandenen Einspielungen - KV 414 und 493 sind Liveaufnahmen - ist superb.
Fazit: Wenn man diese herausragenden Aufnahmen hört, ärgert man sich beinahe, dass das Alban Berg Quartett nicht alle Streichquartette des großen Wieners aufgenommen hat. Fantastische Musik, ohne Einschränkungen zu empfehlen!