Die "Don Giovanni"-Aufnahme von 1965 unter der Leitung von Otto Klemperer gehört in puncto Dramatik und Intensität der Gestaltung - in Verbindung mit herausragenden Solisten - zu den bis heute unerreichten Interpretationen von Mozarts leidenschaftlichster und persönlichster Oper.
Da wird der Hörer vom ersten Akkord vom schroff aufrüttelnden Blech der Posaunen in den Bann des Geschehens gezogen, nicht mit sorgfältig geglättetem aetherischen Schönklang im harmonischen Gleichgewicht der Klassik in Sicherheit gewiegt, sondern unmittelbar in den existentiellen Zwiespalt Mozarts, hier Lebens-, Liebes- und Sinnenlust, dort Moral und Konvention, gestoßen. Keine Aufnahme vermittelt in solcher Intensität den spanisch- anarchischen Geist der Oper wie die unter Klemperers unerbittlichem Dirigat, das die Tempi an den lyrischen Stellen ausdehnt, um sie in den dramatischen Szenen wieder anzuziehen und dem Drama das ihm gebührende Gewicht zukommen lässt, das andere, technisch zweifellos perfektere Einspielungen vermissen lassen. Diese klingen dagegen blutarm, muten kammer-musikalisch an, als sei Mozart 80 Jahre alt geworden (Abbado, Gardiner). Dass Mozarts in Prag uraufgeführtes Werk die Grenzen des Klassischen sprengt, hört man hier nicht mehr. Vielmehr scheinen die neueren Aufnahmen eher ein unterhaltungsbedürftiges, an oberflächlichem Genuss interessiertes Publikum zu bedienen, das eine innere Auseinandersetzung mit dem Werk (nicht erst seit „Amadeus") längst nicht mehr sucht.
Bei den Solisten weiß man nicht, wen man zuerst nennen soll: Walter Berrys charismatischen Bariton (Leporello), Nicolai Ghiaurovs schwarzen, triebhaft-lüsternen Bass oder vielleicht doch eher Mirella Frenis unschuldig bezaubernde Zerlina? Christa Ludwig (Donna Elvira), Nicolai Gedda (Don Ottavio) und Claire Watson (Donna Anna) sind ebenfalls Top-Besetzungen, die nur noch von Franz Crass' Komtur, dessen Stimme für die Verkörperung des Jüngsten Gerichts und Mozarts allgegenwärtigem väterlichen
„Über"-Ich geradezu prädestiniert erscheint, übertroffen werden.
Im finalen Duell (Komtur/Don Giovanni) erreicht die Aufnahme dann ihren absoluten Höhepunkt, bei dem es einem angesichts der aufgetürmten Schrecken der Hölle tatsächlich kalt den Rücken herunter läuft.
So, dass man sich Goethes sehnlichstem, unerfüllbarem Wunsch, den Don Giovanni „noch einmal zum ersten Mal" hören zu dürfen, anschließen möchte.