Ich kann den höchsten Tönen meines Vorrezensenten gar nicht zustimmen.
Natürlich ist die Gruberova eine unschlagbare Donna Anna, und Blochwitz ist einer der besten Ottavios auf CD. Und natürlich ist Hampson ein hervorragender Sänger, der die Partie des Giovanni großartig meistert (auch, wenn er auf keinen Fall "alle Facetten" der Rolle ausdeutet). Auch Holl überzeugt als endlich mal nicht gewollt abgedunkelter Commendatore.
Im Gegensatz dazu fällt die Restbesezung stark ab. R. Alexander als Elvira hat einfach keine leichte Höhe, alle Noten mit Hilfslinien klingen mehr oder weniger geschrien. Bonney und Scharinger sind vollkommen langweilig in ihrer Ausdeutung ihrer Rollen (Zerlina und Masetto). Das fehlt jedes Bisschen Erotik. Und der miese Höhepunkt ist Polgár mit seinem unerträglichen Leporello: Hier ist dann doch das gewollt Abgedunkelte eines Möchtegern-Komturs und das Schlimmste ist, dass er die Sprache nicht kann! Er spricht mehrmals einfach irgendwas, was so ähnlich klingt wie der wirkliche Text!
Über allem steht dann noch ein Harnoncourt, der es sich anscheinend zum Prinzip gemacht hat, die Tempobezeichnungen einfach falsch herum zu interpretieren. Da sind u.a. die Strettas in den Finali quälend langsam, dafür aber z.B. die Tänze im 2. Akt Finale total überdreht. Als wären ihm diese Stellen in der Partitur peinlich...
In dem großen Rezitativ der Anna im 1. Akt lässt er einfach das Orchester immer nach dem Ende der Sängerin einsetzen, obwohl es eigentlich AUF dem Schlusston beginnen müsste. Ich respektiere Harnoncourt sehr, aber das ist nix.
Natürlich ist das so einfacher zu dirigieren, aber es raubt dem Stück trotzdem so gut wie alle Dramatik.
Aber dies ist dann auch der hauptsächliche Haken an der Aufnahme. All die genannten Sonderbarkeiten könnte man hinnehmen, wenn ein dranatischer Spannungsbogen dabei herauskäme. Aber das passiert leider nicht. Das Stück ist in dieser Aufnahme weder spannend noch erotisch noch lustig. Und so sind denn auch die Rezitative gähnend langweilig.
Alles in allem eine Aufnahme, die trotz aller möglichen Pluspunkte (eingangs genannte Sänger und sehr gutes Orchester!) dramatisch nicht überzeugt. Wer eine dramatische und facettenreiche Aufnahme hören will, sollte zur (Live-)Aufnahme von Gardiner greifen, die zwar auch nicht perfekt ist, aber einen unglaublichen Sog entwickelt.