Der österreichische Kaiser Joseph II. richtete in den späten 1770er Jahren das "Nationale Singspiel" ein, ein Musiktheater, das als ein Gegenentwurf zur allmächtigen italienischen und französischen Oper dieser Zeit und als Unterhaltung für die Volksmasse gedacht war. Als Singspiel bezeichnet man ein in deutscher Sprache gesungenes Stück mit gesprochenen Dialogen und meist recht schlichter Handlung, sozusagen der Urahn der Operette des 19. und 20. Jahrhunderts. Es erfreute sich zwar großer Beliebtheit, erreichte allerdings nie die Popularität der "opera seria", deren bedeutendste Vertreter damals Luigi Cherubini und Antonio Salieri waren, und die meisten Werke dieses Genres sind heute vergessen. Doch es gibt Ausnahmen.
1781 kam Mozart, den Erfolg seines "Idomeneo" und ein gewaltiges Selbstbewußtsein im Rücken, unerlaubt aus dem kleinstädtischen Salzburg nach Wien, um dort als freier Komponist sein Glück zu versuchen. Sogleich bekam er einen Kompositionsauftrag für das "Nationale Singspiel" und machte sich mit Feuereifer an die Arbeit. Es entstand "Die Entführung aus dem Serail", ein temperamentvolles und vergnügliches Theaterstück, das dank Mozarts genialer Musik bis heute nichts von seinem Charme verloren hat, und dem noch nicht einmal die Darstellung des Osmin als islamistischer Selbstmordattentäter (gab's auch schon) Schaden zufügen konnte.
Mozarts Musik sprengt bei weitem die Konventionen des normalen Singspiels, jede Nummer ist ein Volltreffer und die Figuren erhalten genaueste musikalische Charakterisierung. Nie singt Belmonte wie Pedrillo, nie Blonde wie Konstanze. Diese hat drei große Arien zu singen, von denen zwei mit gewaltigen Schwierigkeiten gespickt und nur von einer wirklichen Spitzensängerin zu bewältigen sind. Mozart schrieb diese Partie dem Star der Wiener Oper, Catarina Cavalieri auf dem Leib, die, obwohl einäugig und von häßlicher Gestalt, ihrer Koloraturkünste wegen ein Liebling des Wiener Publikums war. Damals zählte eben noch Können.
Am 12. Juli 1782 erklang "Die Entführung aus dem Serail" zum ersten Mal in der Wiener Hofoper und wurde zu seinen Lebzeiten Mozarts größter und einhelligster Erfolg. Trotz der kaiserlichen Kritik ("gewaltig viele Noten") verbreitete sich das Werk mit großer Geschwindigkeit, brachte seinem Komponisten viel Ruhm und wenig Geld ein und ist noch heute ein Garant für einen schönen Theaterabend (sofern es nicht in ein zerbombtes Palästinensergebiet verlegt wird, versteht sich).
Wie bei jeder großen Mozartoper hat der Klassikkonsument die Qual der Wahl. Jedes Label bietet mehrere Aufnahmen an, jede große Mozartsängerin versuchte sich an der Konstanze und jeder bedeutende Dirigent an der genialen Musik. Die hier besprochene Einspielung hat meiner Meinung nach alles, was eine schöne "Entführung" benötigt: Einen virtuosen Dirigenten (Sir Georg Solti), das "beste Orchester der Welt" (die Wiener Philharmoniker) und ein hervorragendes Sängerensemble.
Star der Aufnahme ist Edita Gruberova. Sie hatte sich 1985 bereits von ihrem Image als "Zwitschermaschine" freigemacht, beschloss, ihre Paraderollen Zerbinetta, Königin der Nacht und eben Konstanze nicht mehr zu singen und etablierte sich als dramatischer Koloratursopran. Auf Soltis Bitten erklärte sich die sehr selbstbewußte Primadonna bereit, noch einmal die Konstanze aufzunehmen. Dank an Sir Georg. Für Gruberovas Leistung gibt es nur ein Wort: perfekt. Jede Note, jede Koloratur sitzt auf dem Punkt, nicht ein einziges Mal hat man das Gefühl, daß die enorm anspruchsvolle Partie ihr irgendwelche Anstrengung abverlangt. Auch an ihrer Darstellung gibt es nichts zu mäkeln, die meisten Charaktere in der "Entführung" sind ohnehin nicht sonderlich vielschichtig und die Gruberova gibt souverän die noble, unglückliche Edeldame. Bis auf ein paar kleine Sprachschwierigkeiten hat ihre Vorstellung in dieser Aufnahme allein fünf Sterne verdient.
Als ihr erdiger Gegenpart agiert souverän Kathleen Battle. Die gewitzte Zofe bringt sie ausgezeichnet und die auch nicht ganz einfache Gesangspartie meistert sie vorbildlich. Auch sie hat einige kleine Schwierigkeiten in den Sprechtexten, die das Vergnügen allerdings nicht beeinträchtigen. Blonde ist ja ohnehin Engländerin, und so wirkt Battles amerikanischer Akzent richtiggehend authentisch (alle Briten, die dies lesen, mögen mir verzeihen).
Ungewöhnlich heldisch, aber sehr gut wirkt Gösta Winbergh in der Rolle des Belmonte. Wer in dieser Partie lyrische Tenöre wie Peter Schreier oder Nicolai Gedda gewohnt ist, wird sich an diese Darstellung erstmal gewöhnen müssen. Das heißt jedoch nicht, daß Belmonte hier zum verhinderten Tristan wird, Wingergh singt seine Rolle jedoch bedeutend kerniger als viele seiner Vorgänger und gerät so nicht in die Gefahr, wie ein Weichling zu wirken (passiert schon mal). Ein wenig erinnert er an den Jahrhundert - Belmonte Fritz Wunderlich, erreicht jedoch nicht dessen Klasse. Ein sehr männlicher und dabei gefühlvoller Belmonte.
Auch für Pedrillo wurde ein bewährter und ausgezeichneter Sänger verpflichtet. Heinz Zednik hat in seiner Karriere alles gesungen, was es für einen Charaktertenor an Rollen gibt und singspielt einen mit allen Wassern gewaschenen und listigen Pedrillo, den nichts mehr zu freuen scheint, als den unleidlichen Osmin kräftig an der Nase herumzuführen.
Und da gibt es noch den stets übel gelaunten Haremswächter. Osmin ist eine der populärsten und geragtesten Baßrollen, und wie viele große Darsteller hat es schon gegeben: Gottlob Frick, Kurt Böhme, Josef Greindl, Kurt Moll, um nur die Bekanntesten zu nennen. Hier gibt es mit Martti Talvela den unbestritten größten Opernsänger aller Zeiten zu hören. Er maß exakt 2,02 m. Scherz beiseite, der viel zu früh verstorbene Talvela hat den Klassikhörern viele wunderbare Aufnahmen hinterlassen. Unvergessen sind sein König Marke, sein Sarastro, Daland und eben sein Osmin. Sehr oft verfallen die Sänger dieser Rolle ins Chargieren (o.g. Kurt Böhme ist ein Paradebeispiel), aber Talvela gerät nicht in die Klischeefalle. Die Komik des Osmin liegt in seiner Bösartigkeit und in seiner hilflosen Wut über die penetranten Eindringlinge. Talvela gestaltet seinen Part sehr ernsthaft und mit großer darstellerischer Finesse. Auch stimmlich präsentiert er sich in ausgezeichneter Verfassung und kann sich mit allen weiteren Darstellern der Rolle mehr als messen.
Komplettiert wird das Ensemble durch den Bassa Selim von Will Quadflieg, der natürlich nicht singt, sondern seine Sprechrolle souverän gestaltet, wobei ein wenig mehr Emotion hier und da nicht geschadet hätte.
Hervorragend wie immer singt der Wiener Staatsopernchor, alles wird virtuos begleitet von den Wiener Philharmonikern und von Sir Georg Solti souverän und temperamentvoll geleitet.
Auch die Tonqualität läßt keine Wünsche offen, so daß man diese "Entführung" uneingeschränkt empfehlen kann.