Auf historischen Instrumenten werden sie in Zürich nicht gespielt haben ( allenfalls mit Darmsaiten auf modernen Instrumenten, wie beim Idomeneo), aber natürlich war Harnoncourt musikhistorisch informiert. Im Interview sagte er:"Ich habe mir eigens für diese «Entführung» in Hessen Tschinellen gießen lassen, weil Mozart da zwei verschieden gestimmte Tschinellen verlangt. Und das wird normalerweise missachtet. Meine Frage war: Warum ist in der Ouvertüre diese türkische Musik? Die besteht aus einer großen Trommel, die mit einer Keule und einer Peitsche oder Birkenrute auf das Fell geschlagen wird. Die Janitscharenmusik meint hier einen schweren Keulen- oder Faustschlag in den Bauch und Peitschenhiebe auf den nackten Rücken. Wenn Mozart das in die Ouvertüre der «Entführung» schreibt, dann heißt das für mich: Da, wo Menschen geschlagen werden. Und das Erste, was der Belmonte dann singt, ist «hier», bezogen auf das, was man in der Ouvertüre gehört hat. Das ist nicht einfach nette türkische Musik, kling-kling-kling, und jetzt sagt er: «Hier soll ich dich denn sehen.» Nein! «Hier, wo Menschen geschlagen werden, soll ich dich sehen. Ich würde dich viel lieber auf einer schönen Wiese in der Toskana sehen.» Da finde ich die Aussage sehr stark." so im Kultiversum.
Seine Entführung ist nicht so " historisch" we diejenige von Hogwood, aber natürlich von einem Interpretationskonzept geprägt. Nochmals Harnoncourt."In diesem Sinne würde ich sagen, dass Mozart fast grundsätzlich gebrochene Musik geschrieben hat. Dass alles immer doppelbödig ist, dass alles immer in Frage gestellt wird. Eine glatte, direkte Aussage «So ist es und nicht anders» entspricht nicht meinem Mozart-Bild."
Wie das bei der Entführung aussehen soll, hat Harnoncourt ja angedeutet. Mit Wolfgang Reichmann hat er einen grossartigen Sprecher, der das Doppelgesicht ( Menschenfreund und despotischer Herrscher) wunderbar darstellt.
Die Sänger, die Harnoncourt zur Verfügung stehen, sind gut anhörbar bis ausgezeichnet. Peter Schreier war einer der wenigen lyrischen Tenören, denen diese Rolle sehr gut lag. Klar wird man Wunderlich ins Feld führen ( aber der machte die Aufnahme zur einer Zeit, als er schon auf dem Weg ins italienische Fach war, also potentiell schon zu "stark"). Als Alternative würde ich eher Dermota oder Haefliger nennen; Blochwitz hat leider keine Aufnahme gemacht( es gibt nur eine live-Version aus Schwetzingen, aber sehr gut).
Yvonne Kenny konkurriert mit den besten ihres Faches, sei es nur Schwarzkopf, Auger oder Gruberova, auch Stader und Dawson. Da sticht sie nicht heraus. Ich würde zB Gruberova unter Solti bevorzugen. In den Kolorturen (man braucht ja eine sehr geläufige Gurgel) noch souveräner.
Der Osmin von Salminnen ist mir nicht "böse" genug. Man höre und sehe einmal Kurt Rydl. Das war ein Osmin, der einen fürchten lehrt.
Die Interpretation von Harnoncourt ist nicht so abweichend von anderen Dirigenten, wie bei anderen Komponisten oder auch etwa bei der Zauberflöte. Mit Friscay, Solti,Hogwood hat er starke Konkurrenz.
Fazit: eine schöne Aufnahme, aber keine Referenz.