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Briefe von und an Wolfgang Hildesheimer
Von Hans-Ulrich Treichel
Mit Briefen eines bedeutenden Autors ist es so eine Sache. Einerseits interessieren sie uns, weil uns der bedeutende Zeitgenosse interessiert, und wir hoffen, mehr von ihm zu erfahren. Wir wollen uns über seine privaten Lebensumstände informieren, wollen wissen, wer seine Freunde und wer gegebenenfalls auch seine Feinde waren. Und je mehr wir sein Werk schätzen, um so neugieriger sind wir. Andererseits handelt es sich bei Briefen zumeist um persönliche Dokumente, die ihren Verfasser auch in ungeschützten Momenten zeigen. Wir werden Zeuge seiner Überempfindlichkeiten und Eitelkeiten, seiner mehr oder weniger sympathischen Macken und Marotten. Und wir lassen ihn gegebenenfalls auf Normalmass schrumpfen und mögen uns hierbei wie der sprichwörtliche Kammerdiener vorkommen, für den es, nach einem Wort Hegels, keinen Helden gibt.
Im Falle der Briefe von und an Wolfgang Hildesheimer können wir als Leser freilich sicher sein, keine unerlaubte und die Aura des Künstlers zerstörende Indiskretion zu begehen. Schliesslich handelt es sich um eine Auswahl, die die Witwe des Dichters persönlich (zusammen mit Dietmar Pleyer) vorgenommen hat. Aus einem Gesamtbestand von «Tausenden von Briefen» wählten die Herausgeber «188 Briefe von Wolfgang Hildesheimer und 119 an ihn» aus. Und ganz gewiss nicht diejenigen, die zu privat und zu persönlich sind oder die Öffentlichkeit aus anderen Gründen nichts angehen, falls es solche überhaupt gibt.
Dass sich bei der Lektüre der Hildesheimer-Briefe dennoch die Diskretionsfrage stellt, mag damit zusammenhängen, dass der Autor uns hier als ein äusserst dünnhäutiger Mensch gegenübertritt. Als ein Mensch, der zuweilen den Eindruck vermittelt, als würde schon ein Gespräch über das Wetter eine unerlaubte Zudringlichkeit darstellen. Dies mag auch ein Grund dafür sein, dass viele der Briefe Hildesheimers eher kurz oder von mittlerer Länge sind. Ein Mann der grossen raumfüllenden Epistel war Hildesheimer nicht. Wohl wirkt diese Knappheit und Zurückhaltung zumeist entschieden und gelegentlich auch hart, doch niemals arrogant oder snobistisch. Sie scheint sich vielmehr einer speziellen Introvertiertheit und Verunsicherung zu verdanken, dem, was Hildesheimer selbst seine «Zwiespälte und Schismen» (an Christian L. Hart Nibbrig v. 2. 11. 90) nennt.
Von dieser Verunsicherung, die möglicherweise den Menschen, ganz sicher aber den Schriftsteller und am wenigsten vielleicht den bildenden Künstler, den Maler, Graphiker und Collagisten betrifft, ist in den frühen Briefen eher wenig zu spüren. Wohl aber bemerken wir von Anfang an, dass der so scheu erscheinende Autor eines nicht scheut: ein eindeutiges Urteil. An Heinrich Böll schreibt er am 18. November 1951: «Ich kann ehrlich und ohne Übertreibung sagen, dass ich Sie für einen grossen Schriftsteller halte», und ebenso direkt schreibt er an seine Eltern, dass er Börne, Harden und Kerr wohl schätzt, Tucholsky aber «verabscheut». (4. 2. 52) Peter Handke hält er für einen «Hasser, einen Mann inhumaner Anwandlungen» (5. 1. 84), lobt aber einige Jahre später trotzdem dessen «Versuch über die Jukebox» und erhält von Handke dafür einen Dankesbrief. (20. 11. 89) Goethe hätte ihm wohl keinen Dankesbrief geschrieben, denn über letzteren äussert Hildesheimer in einem Brief an seinen Verleger Siegfried Unseld (17. 2. 94) einen Satz, der die zahlreichen Goethe-Kommentare, die wir dieses Jahr zu hören bekommen haben, auf spezielle Weise ergänzt: «Mein Widerwille gegen Goethe überwältigt mich selbst immer wieder.» Darum überrascht es auch nicht, dass er seine Zusage an Marcel Reich-Ranicki, ein Goethe-Gedicht für die «Frankfurter Anthologie» zu interpretieren, per Ansichtskarte aus Sylt wieder zurücknimmt mit der Begründung: «Es stockt mir die Feder, wenn ich etwas über IHN schreiben soll. Es fällt mir sozusagen nichts zu ihm ein.» (25. 10. 85)
Hildesheimer war überhaupt jemand, der zur Absage neigte. Denn: «Ich weiss sehr wohl, gegen was ich bin, aber ich weiss nicht ganz für was.» (An Heinrich Böll, 26. 10. 53) Nicht nur Reich-Ranicki sagte er ab. Seine Lektorin Elisabeth Borchers, der er die bereits umbrochenen Fahnen des Buches «Klage und Anklage» zurückschickt, erhält mit gleicher Post den klassischen Lektoren-Albtraum-Brief, in dem es heisst: «Dieses Buch darf nicht erscheinen!» (25. 12. 88) (Es ist dann allerdings doch erschienen.) Auch der Gruppe 47 hat Hildesheimer des öfteren abgesagt. Wohl war er deren «Mitglied», mochte aber weder Bildungsstätten noch Seminarsituationen und haderte oft genug von seinem Schweizer Wohnsitz aus mit Deutschland: «Gott, bin ich froh, dass ich in diesem Mistland nicht mehr wohne.» (An Hermann Kesten, 13. 11. 62)
Doch auch eine Tagung im Ausland lockt ihn nicht. Im Gegenteil: Nachdem die Gruppe 47 im Jahr 1964 in Sigtuna (Schweden) getagt hatte und offiziell zum Empfang und zu einer offiziellen Ehrung in Stockholm geladen war, gratuliert er Hans Werner Richter mit den Worten: «Es muss schön, ergiebig und interessant gewesen sein. (. . .) Wir bedauern aber nicht, dass wir nicht dabei waren. (. . .) Mit dieserart Veranstaltungen, in denen ich ohnehin nichts anderes sehen kann als die Verwirklichung eines kleinbürgerlichen Wunschtraums, unwürdig der Gruppe 47, vergibt man sich etwas.» (28. 10. 64)
Vergeben wollte sich Hildesheimer auch als Schriftsteller nichts. Die Briefe erinnern uns daran, dass Hildesheimer beides zugleich war: ein professioneller Macher und ein skrupulöser Zauderer. Er hat viele Jahre für den Rundfunk und auch für das Theater geschrieben. Er hat mit Luigi Nono und mit Hans Werner Henze korrespondiert und für letzteren den Text für die Funkoper «Das Ende einer Welt» verfasst. Einer der Henze-Briefe aus dem Jahr 1954 ist insofern ein Kuriosum, als trotz Nachfrage Sylvia Hildesheimers die Urheberschaft nicht eindeutig zu klären ist. Der in launiger Rollenprosa verfasste und mit «Paolo Trifoglio» (italianisierter Scherzname für «Paul Klee») unterzeichnete Brief könnte laut nachgetragener Auskunft Henzes ebensogut von Ingeborg Bachmann stammen. Und sie ist es auch, die «Onkel Wolfi» im Jahr 1956 einen weiteren Scherzbrief schreibt, so dass der Leser hier die seltene Gelegenheit hat, eine unzweifelhaft alberne Ingeborg Bachmann kennenzulernen. Ernster wird es dort, wo es um das Handwerk des Schreibens geht. Hier ist es wiederum Ingeborg Bachmann, die Hildesheimers Manuskript des Stücks «Landschaft mit Figuren» (1958) gelesen hat, nicht zufrieden ist und mit einer im Grunde vernichtenden Kritik reagiert, wenn sie schreibt, dass dem Stück etwas fehlt, «was vor dem Stück» und «vor dem Schreiben» liegt. (November 1959)
Vor dem Schreiben lag für den Autor der «Lieblosen Legenden» (1952), der Romane «Tynset» (1965), «Masante» (1973) und «Marbot» (1981) und des «Mozart»-Buches (1977) die Malerei, mit der der gelernte Möbeltischler und Bühnenbildner allerdings einige Zeit ausgesetzt hatte. Doch bereits 1957 schreibt er an Walter Höllerer: «Dafür habe ich selbst wieder zu malen begonnen.» Damals konnte er noch nicht wissen, dass er sich eines Tages ganz für die Malerei und gegen das Schreiben entscheiden würde.
Es kommt öfters vor, dass Schriftsteller irgendwann feststellen, dass sie nicht mehr schreiben können. Doch Hildesheimer gehört zu den wenigen Autoren, die eines Tages feststellen, dass sie nicht mehr schreiben wollen. Diese Feststellung hat er sogar Mitte der achtziger Jahre öffentlich gemacht und mit der ökologischen Krise und der bedrohten Zukunft unseres Planeten begründet. Das hat ihm manches Unverständnis, aber auch grossen Respekt eingetragen. Hildesheimer aber, der im übrigen sehr konsequent sein konnte, war offensichtlich zu sehr Schriftsteller, um diesmal nicht schwach zu werden. So schreibt er am 11. 11. 86 an Siegfried Unseld, «dass es ganz ohne das Schreiben wohl auf die Dauer doch nicht geht», um zugleich einen umfangreichen Essay über Emily Brontë anzukündigen. Der Essay ist allerdings nicht mehr entstanden. Hildesheimer starb 1991. Die Schwäche freilich, sich wider die bessere Einsicht an den Schreibtisch zu setzen, hätte man dem Autor gewiss verziehen. Gehört sie doch zu den Schwächen, denen die Literatur ihr Dasein verdankt. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
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Allein deswegen schon, um diesen feurigen Geist einzufangen in seinen geschriebenen Briefen, Liebesbriefen, Bettelbriefen, Freundschaftsbriefen an Vater, Mutter, Schwester, Befreundete, ist es aufschlussreich, davon zu erfahren.
Ein Mehr wäre günstiger gewesen.
Unter dem Titel "Mozart Briefe" verstehe ich auch die "Bäsle Briefe" an seine Cousine.
Nun gut, im Vorwort wird darauf hingewiesen, warum nicht extra breit darauf eingegangen wurde und daß man sich diese Briefe ja gesondert vornehmen kann.
Das ist wahr und das sollten wir auch tun.
Hier aber, in dieser schönen und aufschlussreichen Reclam- Ausgabe der Briefe Mozarts, werden wir hineingeführt in das Verhältnis eines Genies zur Umwelt. Und es sind die Sorgen und Nöte, die Freuden und die Ausbrüche eines wahrhaft heldenhaft Kämpfenden in einer großen Umbruchzeit.
Wie er einen wichtigen Hinauswurf (tritt in den Hintern) oftmals beschreibt und schildert, wie er um Selbständigkeit buhlt und kämpft, die geldliche Not fast nicht übersteht und Krankheiten ebenfalls und wie er dennoch unterdessen arbeitet an sich und an seiner Kunst, der Genialität freien Lauf läßt, das ist einzigartig und entspricht moderner Auffassung vom risikoreichen Leben.
Wie denn auch seine Musik, sei es in der Oper oder in den anderen Werken ja niemals Freude, niemals aber auch das Gegenteil davon vermissen läßt.
So spürt man in seiner Musik nämlich Leben und Tod. In seinen Briefen erleben wir, wie er ist. Als Mensch, als bewundernswürdiger Kämpfer gegen Widerstände, den Tod nicht unbedingt verachtend, wie aus einem erschütternden Brief an seinen Vater zu lesen ist.
Eine aufschlußreiche Einleitung und ein guter Anhang mit Zeittafel ermöglichen weitere Beschäftigungen mit Mozart, dessen zweihundertfünfzigster Geburtstag am 27. Januar 2006 gefeiert wird.
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