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Wie viele andere progressive Rockbands lassen auch Rush ihre diversen Bühnenerfahrungen in die Texte ihrer Songs einfließen. Das Ergebnis sind beeindruckende, fast orchestrale Arrangements, die jedoch die Basis eines Stückes nie zukleistern. "Tom Sawyer", ein weiterer Klassiker, findet sich hier ebenso wie das SciFi/Roadmovie "Red Barchetta", das epische "The Camera Eye", der mahnende Song "Witch Hunt" und "Vital Signs", das von der gerade aufkommenden digitalen Aufnahmetechnik mächtig profitierte. Vielleicht ist dies Rushs bestes Album, auf jeden Fall aber ihr am leichtesten konsumierbares. --Genevieve Williams
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"Tom Sawyer" ist der legendärste Opener der Bandgeschichte - ein Song, mit dem man wie mit keinem anderen die Band bis heute identifiziert. Durch Mark Twains Helden von 1876 inspiriert und in die moderne Welt versetzt weist der Song skurrile Lyrics auf, die manchmal aus Sätzen, manchmal aus Aufforderungen oder einzelnen Schlagwörtern bestehen. Sie gehen einher mit dem dynamisch wechselnden musikalischen Ausdruck. "Tom Sawyer" ist ein Song, in dem ebenso viel Lebendigkeit steckt wie in dem Charakter, den er beschreibt, angetrieben durch die explosiven Keyboardakzente gleich zu Beginn und Neil Pearts unglaublich kraftvollen Drums.
"Red Barchetta" erzählt durchgängig eine Geschichte - die von der Liebe zu einem legendären roten Barchetta und einem Wettrennen auf der Straße. Die Musik mit ihrem rhythmischen Drive voller Akzentverlagerungen und Synkopierungen und mit ihren wunderschönen Gitarrenmustern gespickt mit zahllosen Wechseln versetzt den Hörer mitten in das Erlebnis hinein und transportiert eine wunderbare Stimmung.
Nach "YYZ" folgt der Klassiker "Limelight", der sich um das Leben im Rampenlicht dreht, um den goldenen Käfig, um Schein und Realität. "Limelight" ist wundervoll umgesetzt mit einem Refrain, der von einer sagenhaften Melodie getragen wird und zunächst mit zarter Clean Guitar einen Gang zurück schaltet, um dann in der zweiten Hälfte mit rockigem Drive Gas zu geben. Hinzu kommt ein gigantisches Heavy-Solo vor dem abschließenden Refrain, das sich schließlich wieder in die traumhaften Clean-Guitar- Strukturen auflöst.
Das zweigeteilte "The Camera Eye" beschreibt zunächst die unterkühlte Atmosphäre New Yorks mit den "Streets of Manhattan" und stellt dann das Leben in London mit den "Streets of Westminster" gegenüber. Inspiration hierfür fand Neil Peart im Klassiker "Manhattan Transfer" von John Dos Passos und dessen Darstellung der Stadt als Maschine. "The Camera Eye" zeichnet sich durch seinen monumentalen Aufbau aus - über Minuten hinweg kommen neue Elemente hinzu, die dann in herrlich verknüpften Strukturen variiert werden. Die Phasen des Songs sind nie kompliziert, aber genial ineinander verschachtelt.
"Witch Hunt" beinhaltet mehr Keyboards als die übrigen Songs auf "Moving Pictures". Die Atmosphäre ist unheimlich und düster. Die spezielle Thematik der Hexenjagd überträgt sich in die heutige Zeit auf Ängste der Menschen, was auch durch den Untertitel "part III of ‚Fear'" deutlich wird.
"Vital Signs" ist mit seinen Effekten, ungewöhnlichen Sounds und staccato-Rhythmen von Gitarre und Drums ein weiteres außergewöhnliches Stück zum Schluß.
Alle Songs auf "Moving Pictures" haben eines gemeinsam: Sie flößen den Themen, über die sie geschrieben sind, Leben ein. Sie sind niemals statisch, sondern erwecken Bilder und Geschichten im Kopf des Zuhörers, sind tiefgehend und spornen die Fantasie an. Hierfür steht auch das aufwendige und geschickt tiefsinnige Artwork des Albums. Drei Bilder werden vor ein paar Zuschauern in ein Museum getragen. De Szenerie steckt voller Wortspiele: Bilder, die Bewegung zeigen - die Bilder werden bewegt - die Bilder bewegen ihre Betrachter. Es handelt sich um Rushs 2112-Stern, ein Bild von Johanna von Orleans auf dem Scheiterhaufen (mit Bezug zu "With Hunt") und dem inzwischen legendär gewordenen humorvollen Bild von Hunden, die Poker spielen. Zur Aufnahme der Szene wählte man das Queen's Park Building in Toronto, dessen drei Eingangsbogen mit jeweils drei Pfeilern zusammen mit den drei Bildern zur symbolträchtigen Anzahl der Bandmitglieder passt. Obwohl der Plattenfirma das Shooting damals zu aufwendig erschien, hielten Rush an ihren Vorstellungen fest und zahlten es aus ihrer eigenen Tasche.
"Moving Pictures" ist ein Meilenstein der Rockgeschichte und auch in Rushs Bandhistorie. Obwohl die drei Kanadier noch kein einziges mittelmäßiges Album abgeliefert haben, ist dieses Album doch mit seiner unfassbaren Dynamik, Magie, Inspiration, musikalischer und technischer Vielfalt einfach durch nichts und niemals zu überbieten.
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