Baz Luhrmann hat mit diesem Werk das ultimative Musical geschaffen. So kühn, kitschig, emotional und zeitweise grenzenlos albern haben sich selbst die Veteranen Busby Berkeley (42nd STREET), Stanley Donen (HEUT' GEHEN WIR BUMMELN) oder Vincente Minnelli (EIN AMERIKANER IN PARIS) zu ihren besten Zeiten nicht ausgetobt. Umso überraschender und erfreulicher, dass das heutige Publikum diesen Bildersturm verstand und annahm. Einzelne Verdienste für den Erfolg des Films herauszuheben ist nahezu unmöglich. Natürlich überraschten Ewan McGregor und Nicole Kidman mit ihren ungeahnten Gesangstalenten. Aber was wären diese ohne die genial gewählten, brillant neuinterpretierten Musikstücke gewesen? Und welche Ausstattungsfantasien hätte ebendiese Musik ohne die oscarprämierten Kostüm- und Setdesigner untermalen sollen? Diese hier einmalig geschehene Kombination einer Vielzahl exzentrischer und verrückter Talente wird es in absehbarer Zeit wohl nicht mehr geben - allenfalls wenn Baz Luhrmann wieder seine Finger im Spiel hat.
Weshalb ein Ende des 19. Jahrhunderts angesiedeltes Musical mit Songs von Nirvana (Smells like teen spirit), Queen (The show must go on), Madonna (Like a virgin), Police (Roxanne) oder Kiss (I was made for loving you) funktioniert, ist am ehesten dadurch zu erklären, dass es Music Supervisor Craig Armstrong gelungen ist, den kleinsten gemeinsamen Nerv der Zuschauer zu treffen. Im vielleicht besten Medley aller Zeiten, in dem unzählige Lovesongs von einem überragenden McGregor in rasantem Tempo abgefeiert werden, dürfte der Wiedererkennungswert der verwendeten Songs bei den meisten locker über 90% betragen. Und dieses wohlige Kenn' ich!", im günstigsten Fall sogar verbunden mit einem amourösen Erlebnis, sorgt für die mühelose Publikumsakzeptanz dieses Bruches zwischen historischem Kontext und der eingesetzten Zukunftsmusik. Für die ganz Aufmerksamen oder die zum Kreise der Verrückten Zählenden, die wie ich den Streifen mehr als zehnmal gesehen haben, ist mit der Musikauswahl gleichzeitig ein Seitenhieb auf den Zustand der durch inflationäres Klonen immer neuer Plastikpopbands überkommerzialisierten Musikszene verbunden. Dem zahlenden Konsumenten wird dabei unterstellt, dass er das liebgewonnene, nur leicht variierte Musikstück bereit ist immer wieder und wieder zu hören. Bestes Beispiel ist der von Nicole Kidman - dem Original beinahe überlegen - interpretierte Marilyn Monroe Klassiker Diamonds are a girls best friend", der sich durch die gesamte Geschichte zieht, bis zum Bollywood Musicals nachempfundenen Finale.
Eine Sequenz übertrifft meiner unmaßgeblichen Meinung nach jedoch alle anderen, jede für sich ein Kabinettstückchen darstellend, und auch das bombastisch-tragische Ende: Roxanne" in der Interpretation als argentinischer Tango. Jacek Koman verkörpert hier den Prototyp des Latin Lover derart ausdrucksstark und leidenschaftlich, dass sich auch bei wiederholtem Ansehen spätestens beim heiser gebrüllten Refrain die Gänsehaut einstellt. Überhaupt könnte diese Szene jederzeit als Referenz für den gesamten Streifen herhalten, so perfekt vereinigen sich hier die wichtigsten Elemente wie Choreographie, Musik, Rhythmus, exzellenter Schnitt, darstellerische Performance.