Diese Rezension bezieht sich auf John Hustons Film "Moulin Rouge" von 1952 nach dem gleichnamigen biografischen Roman über Henri de Toulouse-Lautrec von Pierre LaMure und hat nichts mit dem gleichnamigen Musical mit Nicole Kidman zu tun, mit dem es hier bei diversen Rezensenten offenbar Verwechslungen gegeben hat.
Die Geschichte Toulouse-Lautrecs dürfte bekannt sein:
Der durch eine Erbkrankheit und mehrere Unfälle kleinwüchsige und oft bettlägerige Sohn aus einem alten französischen Adelsgeschlecht wurde in Paris vor allem durch seine Plakate für das Moulin Rouge und zahlreiche postimpressionistische Darstellungen von Motiven aus der Halbwelt, dem Circus und sonstigen Vergnügungsstätten bereits zu Lebzeiten ein erfolgreicher und anerkannter Maler, hatte einen entscheidenden Anteil an der (Weiter)entwicklung der Farblithografie und verstarb im Alter von nur 36 Jahren an den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums.
Der Film setzt 1890 mit Lautrecs (José Ferrer) ersten beginnenden künstlerischen Erfolgen ein, erzählt in einer Rückblende seine Vorgeschichte und verfolgt seinen Lebensweg dann geradlinig bis zu seinem frühen Tod.
Dabei zeichnet Regisseur John Huston ein farbenprächtiges, manchmal etwas sentimentales Bild des Paris des fin de siècle.
Künstlerisch hervorragend und ausgesprochen anspruchsvoll ist die wunderschöne Farb- und Bildgestaltung von Kameramann Oswald Morris und Farbberater Eliot Elisofon ganz im Stile von Lautrecs Bildern, die hier teilweise akribisch nachgestellt wurden - ein Stilmittel, welches später von Vincente Minnelli in "Vincent van Gogh - Ein Leben in Leidenschaft" kopiert wurde.
Besonders herausragend ist hier neben der Gestaltung der im titelgebenden "Moulin Rouge" spielenden Szenen, über denen ein zarter, den impressionistisch anmutenden Charakter der Bilder wunderschön betonender Schleier zu liegen scheint, vor allem auch die Gestaltung der Deliriumsszenen des alkoholabhängigen Künstlers, in denen dieser von seinen eigenen "Geschöpfen" auf- und heimgesucht wird.
Der Film greift die Bekanntschaften Lautrecs mit Jane Avril (Zsa Zsa Gabor) und La Goulue auf, nimmt sich aber einige kleinere künstlerische Freiheiten in bezug auf die Darstellung zweier Liebesbeziehungen Lautrecs (Colette Marchand, Suzanne Flon) heraus, wobei die von Colette Marchand dargestellte Figur der Marie Charlet auf Lautrecs Modell und Geliebter Suzanne Valadon beruhen dürfte.
Auch Lautrecs Verdienste um die Entwicklung der Farblithografie und Steindrucktechnik und seine Experimentierfreudigkeit auf diesem Gebiet werden im Film dargestellt.
Neben dem Portrait des Künstlers kommt aber auch die psychologisch berührende Annäherung an den Menschen Henri de Toulouse-Lautrec nicht zu kurz, der aus der gescheiterten Zweckehe seiner Eltern, der Zurückweisung durch seine Jugendliebe aufgrund seines Äußeren und der Zustände im Pariser Halbweltmilieu, welches sein zweites Zuhause werden sollte, den Schluss zog, daß es aufrichtige Liebe vor allem für ihn nicht geben könne und daraufhin systematischen Raubbau an seinem Körper betrieb.
Bei aller Dramatik schafft es Huston aber dennoch, dem Zusammenprall des gebildeten und eloquenten Lautrec aus dem beschaulichen südfranzösischen Albi mit verschiedenen Pariser Halb- und Unterweltoriginalen auch kleinere komödiantische Einsprengsel zu entlocken, zum Beispiel, wenn Jane Avril ihm mal wieder ihr ständiges Liebesleid mit endlos neuen Verehrern klagt und jammert:
"Du bist der einzige Mann, der mich nie gelangweilt hat - warum bist Du nur kein schöner und großer Mann?" und er mit feiner Ironie erwidert "Noch zwei Cognac und ich bin es..."
Neben der künstlerischen Gestaltung (Oscar für Szenenbild und Kostüme) überzeugen auch und vor allem die darstellerischen Leistungen auf ganzer Linie, insbesondere die des wunderbaren José Ferrer (der hier in einer Doppelrolle auftritt und neben Henri de Toulouse-Lautrec auch dessen Vater, den Conte de Toulouse, spielt) und der früheren Primaballerina Colette Marchand in ihrem ersten Spielfilm (beide oscarnominiert), aber auch Zsa Zsa Gabor, die ja sonst mehr für ihr Aussehen und ihre zahlreichen Ehen und Affären bekannt war als für schauspielerisches Talent, gibt eine bezaubernde Jane Avril ab, die von ihr ganz als kokettes und oberflächliches Produkt ihrer Zeit und ihres Umfeldes porträtiert wird.
Zsa Zsa Gabors Gesangsszenen, unter anderem das stimmungsvoll-sentimentale "It's April Again", wurden von Muriel Smith synchronisiert und ihre Garderobe stammt von keiner Geringeren als Elsa Schiaparelli.
Weitere Oscarnominierungen gab es für Film, Regie und Schnitt.
Ein weiteres Lob gebührt der hervorragenden Arbeit in puncto Make-up und Maske.
Der ja ohnehin enorm wandlungsfähige José Ferrer gibt einen täuschend echten Toulouse-Lautrec ab und einige Nebendarsteller ähneln den entsprechenden Bildern Lautrecs derart, daß man meinen könnte, man sähe hier tatsächlich Lautrecs Modelle auf der Leinwand.
Eine meisterlich gespielte und gestaltete Künstlerbiografie zwischen großem Drama und leiser Sentimentalität, ein einfühlsames Portrait einer beschädigten Seele und einer untergegangenen Epoche und ein einzigartiger Farb- und Bilderrausch.
Volle Punktzahl und eine klare Empfehlung.
Bei der deutschen Synchronisation finde ich die Stimmen der weiblichen Darstellerinnnen, insbesondere die von Colette Marchand, leider nicht optimal ausgewählt, ich empfehle Ihnen daher lieber die englischsprachige Originalfassung.