Absolute Meisterwerke sind bereits Lethems Romanen „Als sie über den Tisch kletterte" und „Der kurze Schlaf". Auch „Motherless Brooklyn", 1999 im Original in New York erschienen, ist solch ein Geniestreich. Lethem nimmt ein medizinisches Syndrom, entlang dessen Symptomen er einen großartigen Krimi entwickelt. Der Held Lionel Essrog leidet am „Tourette-Syndrom", einem Zwangsverhalten, dass zu unkontrollierbarem Berühren, Zählen, unsinnigen Wortverdrehungen und Beschimpfungen führt. Diese Tics lassen ihn im Waisenhaus als Außenseiter aufwachsen, bis er zusammen mit drei anderen von einem Kleinkriminellen aus Brooklyn zu einer Gang rekrutiert wird. Alles fein, bis der Ganove ermordet wird und Lionel eigene Ermittlungen beginnt. Alle scheinen ein Doppelleben geführt zu haben. Aber neben der hervorragenden Krimihandlung machen vor allem die Tics, als Metaebene, die bis zum Romankonzept reicht, ebenso aber eine doppeldeutige Handlungsebene darstellt, den ungeheuren Reiz dieses Romans aus!