Das Hammer-Album schlechthin ist "Motherland" nicht -- aber ein gelungenes Album ohne Schwachpunkte und mit zwei, drei Glanzlichtern ist's auf jeden Fall. Ein eher ruhiges, eigenwilliges Folk-Album, das schonmal keltisch anmutende Melodien orientalisch instrumentiert oder Reggae in Zeitlupe ablaufen lässt: eindringlich, aber nicht quälend, nicht über-ambitioniert.
Dominiert wird alles von Natalie Merchants charakteristischer Stimme; am besten klingt sie dann, wenn sie gleichzeitig rauh und zerbrechlich klingt. Das Attribut "zart" allerdings kommt mir bei Natalie Merchant nicht in den Sinn... Manchmal erinnert sie an die langsameren Songs von Michelle Shocked oder Suzanne Vega, aber ihre Stimme ist auf andere Weise düster und intensiv.
Hinzu kommen ausgefuchste Arrangements, in denen oft orientalische/nordafrikanische und indische Instrumente und eigenwillige Rhythmen Akzente setzen -- aber auch Banjo und Akkordeon, E-Gitarre, oder auch wieder Geige und Cello setzt Merchant gezielt ein. Jeder Song verbreitet seine Atmosphäre. Für Abwechslung ist also gesorgt, und die Texte tun ein Übriges; genaues Hinhören lohnt sich (Übrigens: Man darf sich nicht von den Titeln irritieren lassen; "This House Is on Fire" hat nur den Titel mit dem Boomtown-Rats-Klassiker gemein, und auch dieser "Golden Boy" stammt nicht von den Stranglers). Im Booklet sind sie auch abgedruckt.
Es spricht für Natalie Merchants Können, dass kein einziger Song überladen ist; hier wird nichts zu Tode arrangiert.
Am stärksten klingt diese CD, wenn Natalie Merchant klare Melodien scheinbar einfach vorträgt (tatsächlich aber sind sie bis in die letzten Details ausgetüftelt), wenn Solisten ihr Können zeigen dürfen, ohne dass das Ganze in musikalische Ego-Trips auseinanderdriftet -- und wenn Merchant ohne Starallüren singt.
Der stärkste Song des Albums dürfte "Motherland" sein, ein Mousette-Walzer, der von hemmungsloser Einsamkeit kündet. Die akustischen Instrumente dominieren noch mehr als sonst auf dem Album, und die markanten Gitarren und das sanfte Akkordeon im Hintergrund machen's perfekt. Ganz einfach ein Prachtstück...
Aber auch die anderen Songs lohnen sich:
Da sind zum einen diese düsteren Reggae-Nummern im Zeitlupentempo, wenn z.B. in "This House Is on Fire" einsame Fiedel und Oud für Glanzlichter sorgen; oder wenn "Saint Judas" nach verhaltenem Anfang im letzten Drittel E.D. Pennas Banjo ganz einfach fasziniert: Er holt aus seinem Banjo eine faszinierende Kelten-Melodie in orientalischen Klangfarben heraus... Doch, das geht tatsächlich!
Überhaut hat Merchant in fast jedem Song ein Juwel versteckt -- "versteckt" ist gut! Bei "Golden Boy" beispielsweise wird die Percussions-Untermalung zur eigentlichen Melodie. Auch wenn man hier merkt, dass Merchant besser die hohen Töne nur in kleinen Dosen verabreichen sollte -- das hier ist, neben "Motherland", der zweite Höhepunkt der CD.
"Tell Yourself" wiederum ist vielleicht der konventionellste Song der CD, und ganz bestimmt nicht der schlechteste, und das etwas ruhigere "Just Can't Last" ist fast genauso gut. Das gilt auch für andere, eher unspektakuläre Songs, also "Put the Law on You", "Build a Levee", "Tell Yourself" und "Not in this Life".
Der Wermutstropfen des Albums sind in manchen Songs die etwas penetranten Streicher, aber richtig stören tun sie nur in "The Ballad of Henry Darger": Haben die ersten Takte noch einen feinen Klezmer-Touch, so reduziert hernach leider ein Streichergeschwader einen guten Song auf Gerade-Noch-Mittelmaß. Dass Merchant mit Violinen auch umzugehen weiß, zeigt "The Worst Thing": Hier setzt sie wieder ihre rauh-zerbrechliche Stimme gekonnt ein, und schon stört auch das Gefiedel kaum noch, im Gegenteil: Schmerzlich schön klingt hier alles.
"I'm not gonna Beg" bildet einen wunderbaren Abschluss, eindringlich und harmonisch, aber zugleich mit Ecken und Kanten: Mal nimmt eine eindringliche Posaune die Melodie auf, dann gibt sie wieder ab an die Sängerin, dann harmonieren diese beiden miteinander und feuern einander gegenseitig hoch; der Song gewinnt immer an Fahrt und kommt am Ende doch wieder elegant um die Kurve.
Ein edles Album, für anspruchsvolle Melancholiker ebenso geeignet wie für alle, die's gern besinnlich haben und dabei erfreuliche Überraschungen nicht missen wollen.