Dieses Album aus dem Jahre 1989 ist nicht nur der Vorgänger des legendären "Blood sugar sex magik", sondern auch das Debüt eines jungen Gitarristen, der die Welt der Rockmusik bis heute nachhaltig prägen sollte: John Frusciante ersetzte auf dieser Scheibe erstmals den aufgrund des allzu exzessiven Lebenswandels der kalifornischen Musiker viel zu früh verstorbenen Hillel Slovak, dem konsequenterweise dieses musikalische Machwerk gewidmet ist. Dabei beweist der junge Frusciante sofort, dass er aus musikalischer Sicht mehr als nur einen Ersatz für das in Israel geborene Gründungsmitglied der Peppers darstellt.
"Mother's milk" zeigt die Band über weite Strecken von ihrer wie immer extrem überzeugenden funkigen Seite. Die Arrangements jedoch wirken im Vergleich zu späteren Veröffentlichungen wie "Blood sugar sex magik" noch breiter angelegt. Es werden einfach mehr Instrumente eingesetzt, die Gitarrenparts Frusciantes sind meist stark verzerrt und Flea präsentiert demonstrativ durchgängig einen sehr hellen, melodischen Slap-Bass. All dies erzeugt eine äußerst beeindruckende Soundwand, die perfekte Abmischung der Platte und der Einsatz von Kompressoren und Panorama-Reglern sorgen für eine unbeschreibliche Dynamik.
Das Album wird darüber hinaus an mehreren Stellen von 2 auffallenden stilistischen Mitteln gekennzeichnet, die der geneigte Hörer von den späteren (und bekannteren) Pepppers-Scheiben nicht gewohnt ist: Der vielstimmige Chor-Gesang (auf "Good time boys" und "Higher ground") sowie der Einsatz von mexikanisch anmutenden Blechbläsern (auf "Subway to Venus", "Taste the pain", ...) sorgen für überraschende und gefällige Momente.
All diese lobenden Worte sollen natürlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass "Mother's milk" noch nicht über die Klasse von "Blood sugar sex magik" oder "Californication" verfügt. Dafür hat die Scheibe noch nicht die ganz große qualitative Dichte in Bezug auf das Songwriting. Während einzelne Stücke herausragen und sich auch vor den später erschienenen Welthits der Band überhaupt nicht verstecken müssen, sind auf der Platte noch Songs enthalten, die noch zu viel Naivität und Wildheit versprühen.
Dennoch ist das Album deutlich mehr als ein notwendiges Sammlerstück für Fans der späteren Peppers. Es ist nach wie vor ein Rockalbum der Weltklasse.
Dieses positive Urteil verdankt es Songs wie dem Opener "Good time boys", einer furiosen Sound-Attacke, die von coolen Rap-Parts, einem eingängigen Refrain und vor allem dem genial im Midtempo dahingroovenden Gitarrenriffs John Frusciantes lebt.
Neben diesem Stück ragen vor allem die prägnanten Akkordfolgen, die Mitsingmelodien und das furiose Gitarrenarrangement von "Knock me down" heraus. Diese ebenfalls hauptsächlich von der Leistung des Gitarristen Frusciante geprägte Nummer zählt zu den ganz großen Errungenschaften der Band auf dem Weg zur Nummer 1 in der internationalen Rock-Branche.
Des weiteren stechen die rasante Funknummer "Subway to Venus", das teilweise verträumt dahergleitende "Taste the pain" sowie die an Brian Wilson's "Pet Sounds" erinnernde hochmelodiöse Instrumentalnummer "Pretty little ditty" aus dem Gesamtkontext heraus.
Ein besonderes Bonbon für alle Fans ist eine ältere Aufnahme mit dem Titel "Fire", die noch unter Mitwirkung von Hillel Slovak entstand und somit im Kontext mit der Widmung des Albums an den verstorbenen Ex-Gitarristen der Band eine exponierte Stellung auf "Mother's milk" inne hat. Doch auch ohne diese Besonderheit zählt "Fire" zu den Highlights des Albums, denn es handelt sich um eine ursprünglich von Jimi Hendrix komponierte Turbo-Funk-Nummer, die so viel ungebändigte Power ausstrahlt, dass auch der eingefleischteste Frusciante-Anhänger an dieser Stelle den Hut vor Hillel Slovak und den ganz frühen Peppers ziehen muss.
Einerseits lässt sich "Mother's milk" somit als ein Übergangsalbum in der Geschichte der Band bezeichnen. Die Neubesetzung des Gitarristenpostens sowie die Präsenz von Songs, die aus verschiedenen Schaffensphasen der Band zu stammen scheinen (das wilde Gegröle von "Magic Johnson" trifft als Beispiel für diesen Kontrast auf die hochprofessionelle perfekte Rock-Produktion "Knock me down") sind eindeutige Indikatoren für diesen Sachverhalt.
Andererseits sorgen nicht zuletzt die bereits erwähnten Top-Songs sowie der mehr als beeindruckende Monster-Sound, der seiner Zeit weit voraus zu sein scheint, für ein Hörerlebnis, das zumindest für einige Momente des Genusses die Sehnsucht nach den zweifellos besseren Nachfolgealben der Red Hots vergessen machen kann.