...so we must be careful about what we pretend to be" (v). Dieser leitmotivische Satz steht gleich am Beginn vom Kurt Vonneguts Roman "Mother Night" und am Beginn der unglaublichen Lebensgeschichte von Howard W. Campbell, Jr., der zum Zeitpunkt der Aufzeichnung seiner Geschichte 1961 in einem Jerusalemer Gefängnis sitzt und auf seinen Prozess wartet. Er ist angeklagt, da er in Nazideutschland einer der bekanntesten Radiopropagandisten war, berühmt-berüchtigt für seine hasserfüllten Tiraden gegenüber den Juden. Doch nur wenig später folgt der Clou: Campbell behauptet, in Wahrheit die ganze Zeit als Agent für die CIA tätig gewesen zu sein, der im Verlauf seiner Ansprachen verschlüsselte Botschaften an seine Auftraggeber übermittelt habe (vgl. S. 29).
Campbell, der Ich-Erzähler des Romans, sagt, dass er weder Verständnis noch Mitleid für sein Handeln erwarte. Zugleich zeigt er sich aber erstaunt darüber, wie einfach es ihm gefallen sei, die Massen mit seinen Hasspredigten in Verzückung zu versetzen: "I had hoped, as a broadcaster, to be merely ludicrous, but this is a hard world to be ludicrous in, with so many human beings so reluctant to laugh, so incapable of thought, so eager to believe and snarl and hate. So many people wanted to believe me!" (160). Es sind gerade solch allgemein gültigen Beobachtungen wie diese, die einen an den beschränkten Horizont von Fundamentalisten jedweder Coleur denken lassen.
Ist Campbell ein Lügner, der sich doch nur reinwaschen will von den Sünden seiner Vergangenheit oder doch das Opfer einer Agentenintrige, der sich für sein Land opfert? Wie auch immer der Leser diese Frage für sich beantworten mag, bleibt ihm oder ihr überlassen. Was aber auf jeden Fall beeindruckt ist Vonneguts Fähigkeit mit seinem brutal-trockenen Humor den Horror des Krieges und die Abgründe der menschlichen Psyche darzustellen. Alle, die von
Slaughterhouse-Five begeistert waren, werden auch an "Mother Night" ihre Freude haben.