Ein Epos mit berauschenden Bildern und Szenen voller Pathos. Dieser Film zeigt Drama ohne Ende, ein Schicksalsschlag jagt hier den nächsten. Wenn man 'Mother India' mit 'Swades' und 'K3G' vergleicht, kann man erkennen wie weit sich der indische Film weiterentwickelt hat. Im Vergleich zu diesen modernen Produktionen wirkt dieser Film von 1957 archaisch, roh und stummfilmartig überzogen gespielt. Die Inszenierung von Regisseur Mehboob ist wuchtig und erinnert mich ein wenig an Eisensteinfilme wie z.B. 'Iwan, der Schreckliche', die Musik von Naushad ist wie zu erwarten eher altmodisch.
Als Liebhaber indischer Filme sollte man diesen sozialkritischen Film anschauen, um zu sehen auf welchem Hintergrundwissen der indischen Zuschauer die heutigen Filme aufbauen. Aber auch für sich selbst genommen ist der Film durchaus sehenswert. Er zeigt den Lebensweg einer Bäuerin von der Hochzeit bis ins hohe Alter. In der Darstellung dieser starken Frauengestalt ist der Film moderner als die meisten heutigen indischen Filme, die ich bisher gesehen habe.
Hier hält eine Mutter (Nargis) ihre Kinder und den Hof ihrer Familie praktisch nur durch ihren Willen und ihre Überzeugungen am Leben. Zwar verliert sie zwei Kinder an den Hunger und den größten Teil der Anbaufläche an den wucherischen und betrügerischen Geldverleiher (Kanhaiya Lal), aber wo andere aufgeben (Flut) hält sie durch und ist Vorbild für die ganze Dorfgemeinschaft. Zwar stellt diese Frau nicht eine Tradition in Frage, möge sie uns modernen Westlern noch so ungerecht erscheinen, aber sie tut dies mit der Überzeugung, dass diese Traditionen das Dorfleben regeln und für die Sicherheit des Sozialgefüges sorgen. Und mit welcher Kraft und Durchhaltewillen diese Frau auf alle Schicksalsschläge reagiert kann uns auch heute noch als Vorbild dienen.
Kaum eine Frauengestalt des modernen indischen Films erreicht diese Intensität. Weder die Kriegerprinzessin Kaurwaki in 'Asoka' noch die erfolgreiche Schulleiterin Gita in 'Swades' strahlen diese trotz aller Fesseln brodelnde Kraft aus. Dabei gehören die eben genannten für mich bisher zu den beeindruckendsten Frauenfiguren des modernen indischen Films. Einzig die Filme 'Satta', 'Pehchaan' und 'Daman' weisen für mich ähnlich starke Frauengestalten auf. In allen drei Filmen spielt Raveena Tandon die Hauptrolle, so dass es sein mag, dass das indische Publikum einfach keine starken Frauenrollen sehen will. Jedenfalls habe ich keinen der anderen weiblichen Stars Indiens bisher mit ähnlich überzeugender Intensität ein weibliches Schicksal spielen sehen wie Nargis oder Raveena Tandon.
Meiner Ansicht nach gehört 'Mother India' zu den Klassikern des indischen Films und daher in die Oberklasse meiner ca. 90 bisher gesehenen indischen Filme.
DVD: es gibt keine Zusatzmaterialien, das Menü wird nicht durch die normale Fernbedienungstaste sondern über die Taste 'Titel' erreicht, es gibt 26 Kapitel, bei den anwählbaren 12 Songs fehlen die Untertitel, die englischen Untertitel sind ansonsten OK, das Bild-Verhältnis ist 4:3. Obwohl der 163 Minuten lange Farbfilm als 'Universal, suitable for all' eingestuft ist, finde ich ihn wegen Prügel- und noch gewalttätigerer Selbstjustiz-Szenen für jüngere Kinder nicht geeignet.