Zu Recht betont der anonyme Autor des Begleittextes die Fremdartigkeit dieser Musik, die er als der nichtwestlichen Musik wie dem Minimalismus näher verwandt sieht als der Musik der Renaissance oder gar des Barock. Die hier vorgelegten iso-(gleich-)rhythmischen Motetten des von ca. 1390 bis 1453 lebenden Engländers John Dunstable sind trotz einiger Ansätze zur Modernität, die den Komponisten selbst in ganz Europa berühmt gemacht haben, tief im Mittelalter verwurzelt. In den meisten Fällen singen die Stimmen nicht nur unterschiedliche Melodien, sondern auch unterschiedliche (geistliche, marianische) Texte, wobei die Melodieführung keineswegs auf die Bedeutung des Textes abgestimmt ist. Dass dies das Zuhören, gerade auch unter Einbeziehung des Textheftes, zu einem schwierigen Unterfangen macht, versteht sich von selbst. Deshalb wird sich manch ein Hörer damit zufrieden geben, den schönen, wie bei den Hilliards üblich von den Countertenören David James und Ashley Stafford dominierten Männerstimmen zu lauschen, ohne den Texten oder den geheimnisumwitterten mathematischen Bezügen der Musik allzu viel Beachtung zu schenken.
Letztere Haltung wird durch die Aufnahmetechnik begünstigt. Diese in der englischen Boxgrove-Abtei eingespielte Analogaufnahme aus dem Jahre 1982 leidet sowohl am deutlich vernehmbaren Bandrauschen wie auch an der wahrscheinlich bewusst gewählten Kirchenakustik, die für mein Empfinden das ohnehin schwierige Zuhören noch erschwert. Somit sind erste Ansätze der Hilliards auf dem Wege zum Starensemble der neuen Mystik (siehe ihre neueren Produktionen beim Label ECM) zu erkennen. Persönlich wäre es mir lieber, man könnte die einzelnen Stimmen noch deutlicher heraushören.
Dass die Hilliards wohl historisch korrekt auf jegliche Begleitung durch Instrumente verzichten und durchweg a capella singen, ist ein Pluspunkt, zumal die Sänger wie immer vollkommen intonationsrein und sauber zu Werk gehen. Der Repertoirewert dieser Aufnahme dürfte unbestritten sein.