Moskau, das klingt für viele nach Mafia und Alltagskriminalität, nach Reichtum und Armut, nach Öl-Milliardären und geballter Staatsmacht. Moskau, das sind heutzutage erst beim zweiten GedankenKreml und der Rote Platz. Und auch nur Kenner wissen, dass in Saal 28 der Tretjakow-Galerie mit der Ikonensammlung ein Prunkstück russischer Kunstgeschichte ausgestellt ist. Moskau 2005 ist nicht richtig fassbar zwischen Zaren-Historie, Putin-Staat undMafia-Macht. Nur, wo bleibt eigentlich der Alltag? Der normale Moskowiter, der früh zur Arbeit geht und am Wochenende vielleicht ins Kino oder meistens in die Kneipe? "Moskau light" geht genau dieser Frage nach. Dabei ist das schmale Büchlein eher ein Zufallsprodukt und gerade deshalb so spannend. Da hat sich kein Schriftsteller aufgemacht, um einen Schauplatz für seinen neuen Roman zu finden. Im Gegenteil: Da ist einer, der in diese Stadt aus anderen, nämlich beruflichen Gründen kam. Der Autor des Buches ist Verlagsberater für Osteuropa und deshalb führen seine Wege häufig nach Prag, Warschau und Moskau. Die Flughafen-Taxi-Verlag-Taxi-Besprechung-Taxi-Flughafen-Tour kennt auch Quirin Wimmer. Aber der Autor unterliegt nicht der Routine, sondern zeigt sich als beobachtender Besucher. Er fährt mit der Metro aus der Innenstadt bis zur 30 Kilometer entfernten Endstation. Er sucht sich ein anderes als das vom Arbeitgeber gebuchte Hotel, weil es von überwiegend deutschen Gästen bewohnt und er "abends beim Baltika-Bier von einem Kaukasier in geschliffenem Deutsch bedient" wird. "Für einen, der es authentisch liebt, eher hinderlich", schreibt Wimmer. Der 45-Jährige Passauer zeichnet Genre-Bilder, sucht die Sub-Ebenen der Mega-Stadt und verirrt sich dabei auch gerne einmal. "Sozialstudien" nennt das Wimmer an einer Stelle. "Moskau light" enthält Reportagen und Geschichten, die Ausschnitte erzählen und den Kreml und die Mafia eben Kreml und Mafia sein lassen. Allein das Buch-Cover wird den Texten deshalb nicht gerecht. Denn die "Erlebnisse eines Geschäftsreisenden" - so der Untertitel - haben rein gar nichts mit der adretten Blonden nebst Schoßhündchen zu tun. Wimmer konzentriert sich mehr auf die Bierflaschenträger der Stadt als auf schicke Hündchenhalter. Er beschreibt keine Damenmode, sondern die Atmosphäre in den Wolgas der Stadt, die in ihrer Inneneinrichtung ganz auf Wohnzimmerplüsch getrimmt sind. "Dieses Buch macht große Lust auf das Moskau von heute", schreibt der russische Opernstar Anna Netrebko in ihrem Vorwort, "weil hier ein Besucher aus dem Westen seine persönlichen Eindrücke erzählt. Wie der Autor habe auch ich bei meinen Besuchen meist beruflich zu tun und erlebe regelmäßig die Widersprüchlichkeiten dieser heute so prickelnd verrückten Stadt". Quirin Wimmer hat Erfahrung mit solchen Milieustudien. Als Student in München verdiente er seinen Unterhalt einst mit Taxifahren. Er hatte Bud Spencer als Fahrgast und genauso dicke Hasenbergler.
Auch damals war er nicht nur Fahrer, sondern auch Beobachter. Wenngleich sein literarisches seinerzeit kaum beachtet wurde: "Manfreds Flucht", die Erfahrungen eines Taxifahrers, schrieb der Kunstgeschichtler während eines Aufenthalts in Sizilien. Auch "Moskau light" ist keine schwere Kost, kein Reiseführer, kein Szene-Guide und auch keine hinter-gründig-politische Spiegel-Reportage. Aber Lesern, die wissen, wie sich Russlands Hauptstadt heute zeigt, denen darf das Büchlein herzlich empfohlen werden. Zumal es dem Autor gelingt, den Moskauer Alltag zwar durch seine subjektiven Eindrücke zu filtern, er es aber vermeidet, das Erlebte in belehrendem Tagebuchstil zu formulieren.