Dominique Bourel Moses Mendelssohn Ammann
Als am 11. März 1829 die letzten Töne der Matthäuspassion in der Berliner Singakademie verklingen, herrscht atemlose Stille. Der Dirigent erhebt sich, und man erkennt den zwanzigjährigen Felix Mendelssohn!
Die Zuhörer sind begeistert und hingerissen: Felix Mendelssohn hat den Deutschen einen vergessenen Volkshelden wieder gegeben: J. S. Bach, der damit seine Auferstehung feiert. Felix ist der Enkel von Moses Mendelssohn.
Bourel beginnt mit dieser Hommage an Bach seine Biographie über Moses Mendelssohn, den Deutschen Philosophen, Dichter, Weisen und Begründer der deutsch-jüdischen Synthese, wie es im Text heißt.
Moses war 14 Jahre alt, als er nach Berlin kam, arm und Sohn eines orthodoxen Juden aus Dessau.
Weit ausholend beschreibt Bourel die Zeit des Preußenkönigs Friedrichs II, der durch eine Reihe von Baudenkmälern Berlin zu äußerem Ruhm verhalf und zugleich die Künste und Wissenschaften förderte.
Friedrich der Große war tolerant. Es war das Preußen der Menschenrechte, in dem < jeder nach seiner Fasson selig werden sollte >, das am Ursprung des modernen Judentums stand.
Der König ließ Andersgläubige schalten, nur den Juden gegenüber blieben seine Vorbehalte bestehen. Juden bekamen Rechte und Schutzbriefe erst, wenn sie entsprechende Zahlungen und Leistungen zuvor erbrachten.
Durch Gellert und Lessings Stück <die Juden> wurde die Judenfrage neu angestoßen.
Moses Mendelssohn wurde einer der führenden Vertreter der deutschen und der europäischen Aufklärung, der Haskala des Deutschen Judentums, und Vorbild für Lessings Nathan den Weisen. Er war ein großer Denker, gebildet, Freund und Denkpartner vieler berühmter namentlich genannter Geistesgrößen in Philosophie und Geistesgeschichte. Die Emanzipation aus dem Ghettodasein und die Eingliederung in die bürgerliche Gesellschaft mit allen Rechten war das sichtbare Ergebnis seines Handelns und Denkens.
Lessing pries sein Denken, Friedrich Nicolai rühmte die Würde und Festigkeit seines Freundes. Man nannte MM den deutschen Platon und Berliner Sokrates.
Moses Mendelssohn ist von der Stadt Berlin nicht zu trennen, und letztere wäre, Zitat: ohne Juden nicht zu verstehen, die Teil ihrer Saga, ihrer Mythologie wurden mit ihren Lobsängern und Verleumdern, ihren Salons, Nobelpreisträgern, Professoren, Ärzten, Bankiers und Mäzenen, Künstlern, Aristokraten, Bürgern, Arbeitern, Zuhältern und Deklassierten; selbst die Rosenstöcke im Tiergarten sollen von jüdischen Millionären bezahlt worden sein, Zitat Ende
Bourel beschränkt sich in seiner Biographie, die zugleich seine Habilitationsschrift ist, nicht auf den Lebensweg Moses Mendelssohns, sondern geht auf viele Einzelheiten seines Denkens und seines Einflusses auf die preußische Geschichte ein. Lange wurde MM der Zugang zu den wissenschaftlichen Ehren verwehrt. Seine Schriften über Toleranz und seine Bemühungen um die Quellen des jüdischen Glaubens werden ausführlich erörtert. Er war der Verfasser des Werkes
< Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele>, das ihm europäischen Ruhm einbrachte und das meist gelesene Werk der deutschen Aufklärung wurde.
Bourels Buch ist unfangreich und gründlich und gewährt einen selten geschlossenen Einblick in die gesamte deutsche und europäische Geistesgeschichte seit Beginn des 18. Jahrhunderts. Philosophische Richtungen werden im Detail erklärt. Was Aufklärung ist, wird in einer ausführlichen Darstellung analysiert. Kants berühmter Satz <Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit> steht im Zusammenhang mit langen Diskussionen um die richtige Terminologie, um jedem verständlich zu machen, was Aufklärung im tiefsten Wortsinn bedeutet.
Bourel hat sein Werk genau recherchiert und gibt im Anhang lange Quellenverzeichnisse an.
Wer sich um die europäische Geistesgeschichte bemüht, wer das Zeitalter der Aufklärung bis heute noch einmal nach verfolgen will, dem sei dieses Buch empfohlen. Es ist gut und übersichtlich angeordnet und auch für den Laien sehr verständlich geschrieben.