"Lord Gamma" war ein Pageturner allererster Güte, wenn auch zum Ende hin sehr verwirrend. "Imagon" habe ich verschlungen wie kaum ein anderes Buch der letzten Jahre. - Aber "Morphogenesis" fällt leider völlig aus dem Rahmen: Michael Marrak gefällt sich in der Rolle des absolut durchgeknallten Schriftstellers anscheinend sehr gut, hat er seinen Hauptdarsteller - wie schon bei "Lord Gamma" - wieder einmal an einen Ort versetzt, an den wenig erklärt wird, aber alles möglich ist.
Zwar werden die absolut schrägen Visionen (vor allem die Lazarium-Kapitel nervt durch völlig unverständliche Bilder wie aus einem LSD-Traum) und Erlebnisse mit massenweise ägyptischer Mythologie unterfüttert, doch bleibt vieles davon erst gar nicht hängen. Zu viele Namen und Mythen werden in den entsprechenden erklärenden Passagen über den Leser ausgegossen, dass dieser auch am Ende nicht weiß, was nun laut des Autoren WIRKLICH geschehen ist.
Ja, Marrak liebt schräge Symbolik à la David Lynch. Das wusste ich schon vorher. Aber diesmal übertreibt er es schamlos. Noch dazu wirken viele grausame Elemente dieser Hölle (die sexbessene Riesenspinne) wie billiger Trash und lädt eher zum Lachen denn zum Gruseln ein.
Auffällig ist auch, wie cool und zynisch der Hauptdarsteller die Tatsache auffasst, vielleicht bis ans Ende der Zeit gequält und gefoltert zu werden. Wo auch hartgesottenste Menschen schnell durchgedreht wären, zieht Herr Krispin relativ locker-flockig durch das unfassbare Grauen, das ihn erwartet. Kein Gedanke ans Aufgeben scheint ihm unterzukommen. Und, wie ein anderer Rezendent schon sehr richtig erwähnte: Dass der gute Mann einen Großteil des Buches glaubt, er wäre Opfer eines militärisch-wissenschaftlichen Experiments (lächerlich ist das schon relativ zu Beginn, als er auf Wolken herumspaziert und ein Flugzeug innerhalb von wenigen Minuten Tausende Kilometer zurücklegt), zeichnet ihn nicht gerade als große Leuchte aus.
Der ganze Roman wirkt wie ein Schlaraffenland für Schriftsteller: Alles kann eingebaut werden, sei es auch noch so schräg und im wirklichen Leben undenkbar. Da muss man sich mit einer sinnvoll aufgebauten Handlung und glaubwürdigen Charakteren nicht lange aufhalten... Und zur Not muss halt ein kruder Mix aus SF, Fantasy und Nichterklären herhalten. Oder der Autor versucht kurzerhand einfach, dem Ganzen den Anstrich tieferer Sinnhaftigkeit zu geben, indem er vermeindlich tiefgründige Bilder und seltsame Landschaften verwendet. Wer diese Bildsprache zu verschlüsseln versucht, verzweifelt aber entweder oder erkennt recht bald, dass das Ganze anscheinend nur auftaucht, weil der Autor gewisse Vorstellungen halt gerade "cool" fand.
Nur ein extremes Beispiel (könnte schon ein leichter SPOILER sein): Ein Mann, der schon Jahrhunderte in der Hölle zugebracht hat, wohnt in einem Turm und weiß, dass in seinem Keller die Antwort auf wichtige Fragen lauern könnten. All diese Zeit ist er aus - berechtigter - Angst nicht herunter gestiegen, nur um es dann unnötigerweise plötztlich doch zu tun, als der Haupdarsteller schon längst vorgegangen ist. Und obwohl jener Charakter vorher sehr analytisch war und sich mit seiner Situation abgefunden zu haben schien, dreht er plötzlich völlig am Rad und verschwindet dann (fast) in der Versenkung.
Lange Rede, kurzer Sinn: Mit viel Enthusiasmus geschrieben, aber letztendlich oberflächlich und mit einem Ende, das mindestens 50% aller Fragen offen lässt...