Ich hatte me The Abbey aufgrund der Screenshots auf der Hülle zugelegt, die einen comicähnlichen Charakter der Figuren zeigten und ich daher wenigstens auf etwas Gesichtsmimik hoffte (welche viele 3D Spiele vor lauter 3D-Animationsenthusiastik nicht zu bieten haben - Gesichtsanimationen scheinen zu schwer oder zu teuer zu sein). Das stellte sich als Irrtum heraus, da die 3D-Komponente doch stark überwiegt und die Mimik zwar nicht gänzlich fehlte, aber doch relativ subtil wirkte. Aber auch als Adventure stellte sich der ganze Kauf eher als Fehlentscheidung heraus.
1. Die versprochenen 20 Stunden Spielspaß waren nicht zu finden. Zum Einen war ich an zwei Abenden nach der Arbeit mit dem Spiel durch, was keine 20 Stunden gewesen sein können, und viel Spaß hat es nicht gemacht. Beispielsweise muss man, um voran zu kommen, teilweise Dinge anvisieren, die im Bild nicht einmal zu sehen sind. Man hat dann keine Wahl, als alle Locations mit der Maus langsam abzusuchen, um herauszufinden, ob irgendwo ein für das Auge unsichtbarer Hotspot auftaucht. Außerdem fehlen an vielen Stellen Hinweise, so dass man völlig Ahnungslos und ohne eine richtige Aufgabe zu haben stecken bleibt. Wenn man dann den nächsten Schritt aus Zufall oder durch googlen einer Komplettlösung gefunden hat, fragt man sich wie man da eigentlich anders hätte draufkommen sollen, als durch wahlloses Herumsuchen. Ein bischen Herumsuchen ist in jedem Adeventure dabei, und meist auch eine kleine Herausforderung, in The Abbey wird es jedoch schnell sehr nervig.
2. Die Musik ist wirklich gut, die Soundeffekte aber dafür nichts. Auf dem Cover wird die Musik angepriesen, die vom City Prague Orchester aufgenommen wurde. 70 Minuten sind für ein (angeblich) 20-stündiges Spiel vielleicht etwas wenig, aber da es sich um Hintergrundmusik handelt, die sich entsprechend der Story sogar manchmal ein bisschen verändert, wirkt sie zu keiner Zeit störend. Gut ist sie auf jeden Fall, aber sicher kein Grund, sich das Spiel zuzulegen. Störend sind eher die schlechten Soundeffekte, wie das unrhythmische Getapse, das Schritte darstellen soll. Aber für die viele Aktionen gibt es ohnehin gar keine Soundeffekte.
3. Das Sprachschauspiel ist gut - leider gibt es zuviel davon. Ich fand die schauspielerische Leistung der Synchronsprecher sehr lobenswert und sie hat sehr viel zu einem etwas positiverem Empfinden beim Spielen beigetragen. Leider ziehen sich die Dialoge unglaublich in die Länge. Besonders am Anfang besteht das Spiel eigentlich nur aus Reden - oder eher Zuhören. Viele der Charaktere halten während der Gespräche lange Monologe, die sich allerdings beschleunigen lassen, wenn man sie selbst liest und dann weiter klickt. Kürzer werden sie dadurch aber natürlich nicht. Entsprechend geringer fällt dann natürlich auch der Teil aus, in dem man in dem Spiel tatsächlich etwas tut. Die Kommentare, die man für "falsche Ideen" erhält sind auch relativ unkreativ; da hilft dann auch der gute Synchronsprecher nichts mehr (Viele Spiele nutzen solche Fehlclicks neben den Standardsätzen für "Das geht nicht", um Hinweise einzustreuen (oder zumindest einen Witz zu machen), aber The Abbey verzichtet auf derlei Hinweise, obwohl sie manchmal nötig wären.
4. Das unlösbare Rätsel. Ich bin tatsächlich in The Abbey über ein Rätsel gestolpert, das vermutlich über einen Zufallsgenerator (mit)generiert wird - ein Schiebepuzzle. Nachdem ich mich lange erfolglos an den letzten paar Plättchen versucht hatte, suchte ich mir im Internet eine Lösungsstrategie für Schiebepuzzle - nur um herauszufinden, dass das Puzzle, so wie es war mathematische NICHT LÖSBAR war. Das einzige was half, war zu einem früheren Speicherpunkt zurückzukehren und sich wieder bis zu dem Punkt vorzuspielen, an dem das Puzzle scheinbar vom Computer generiert wird. Aber selbst das ließ sich innerhalb der zwei Spielabende bewältigen.
5. Das Ende kommt überraschend. Am Ende des Spiels kann man dann bis auf eine kleine kurze Pause nichts mehr tun, als zusehen. Man hat auch nicht das Gefühl, das Rätsel gelöst zu haben, weil der Hauptcharakter nach einer Wendung im Spiel mehr oder weniger plötzlich behauptet den Mörder gefunden zu haben, ohne, dass das zuvor eindeutig gewesen wäre oder er die Theorie irgenwo mal erwähnt hätte... womit das Spiel dann eigentlich auch vorbei ist.
Ich glaube, die Idee für dieses Spiel war generell sehr gut und offensichtlich wurde sich bei den Grafiken und der Charaktergestaltung viel Mühe gegeben. Leider hängt der Spielspaß nicht nur davon ab, sondern vor allem auch vom Inhalt, der einiges zu Wünschen übrig lässt.
Ich habe mir kurz nach The Abbey das Adventure "So Blonde" für den gleichen Preis zugelegt. Das ist zwar eine ganz anderes Thema (und vielleicht auch Budget), zeigt aber einige wesentliche, postivie Unterschiede: Beispielsweise waren die Dialoge meist kurz und spritzig, man hatte immer eine Idee was man ausprobieren könnte, es gab viele Hinweise und immer ein, zwei Aufgaben, die es zu erledigen galt, plus, das Spiel hat trotz weniger Monologe und weniger Herumsuchen insgesamt wesentlich länger gedauert.
Kurz: Finger weg, ausser wenn ihr schon alle guten Adventures durch habt - dann ist The Abbey nicht das schlimmste, was man bekommen kann. Das Spiel ist absolut nichts für Anfänger, besonders dann nicht, wenn man sie für die große Welt der Adventures begeistern möchte.