Am Ende der stummen Ära hatte der Hollywood-Film ein hohes Maß an visueller Qualität, an Tempo, Schnitt und entfesselter Kameraführung. Mit dem Tonfilm und dessen sperrigen, immobilen Apparturen gelang den Studios dieser Standard zunächst nicht mehr. MGMs erster Tonfilm mit Greta Garbo ,,Anna Christie'' wirkte in seiner Starrheit wie ein abgefilmtes Bühnenstück. Morocco ist aus der Paramount-Gesamtproduktion des Jahres 1930 ein Ausnahmefilm geblieben. Allein Josef von Sternberg gelang es, das Niveau der Stummfilmzeit zu halten und mit dem Ton stilistisch zu steigern. Sternberg suchte sich Stoffe, in denen der Dialog lediglich Unterstützung gab und verließ sich weiterhin auf die Kraft der Bildsprache und der Ausdrucksmöglichkeiten der geschickten Montage. Morocco ist ein visueller Fluss aus Licht und Schatten, dessen rythmischer Schnitt und atmosphärische Dichte auch unseren heutigen Sehgewohnheiten voll entspricht. Außergewöhnlich Sternbergs Talent, der zweidimensionalen Leinwand durch die atemberaubende Ausleuchtung seiner Sets Tiefe und Räumlichkeit zu verleihen. Seine Bilder - hier viele Außenaufnahmen - haben häufig drei Ebenen. Die Szene, in der die Dietrich durch das Helldunkel des Bazars läuft und ihr Gesicht sich aus der Tiefe stroboskopartig aufleuchtend der Kamera nähert, ist im Kino an visueller Brillianz nicht wieder erreicht worden. Ein wegweisender Klassiker der Schwarzweißfotografie.