Aus der Amazon.de-Redaktion
"Blutüberströmt liegt der Horizont da und bringt durch einen Kaiserschnitt einen Tag zur Welt, für den sich die Mühe letztlich nicht gelohnt haben wird." Nicht gerade optimistisch beginnt eine der merkwürdigsten und interessantesten Krimi-Neuerscheinungen dieses Herbstes.
Morituri nennt die algerische Schriftstellerin Yasmina Khadra ihren Roman und todgeweiht sind ihre Helden wirklich, die um ein Mindestmaß an Toleranz und Gerechtigkeit kämpfen.
Bürgerkrieg in Algerien. Die Wahlen, aus denen die Islamische Heilsfront FIS als Sieger hervorgegangen wäre, werden annulliert. Radikale islamische Kämpfer überziehen das Land mit Terroranschlägen gegen liberale Künstler und Intellektuelle und nicht zuletzt gegen eine wehrlose Landbevölkerung. In dieser Atmosphäre von Haß und Gewalt kämpft Kommissar Llob den Kampf eines Don Quichote um die Aufrechterhaltung von Gesetz und Ordnung in Algier. Nicht, daß Llob ein pedantischer Beamter wäre, ein Gerechtigkeitsfanatiker. Er neigt zu einem abgeschwächten Zynismus, hat sein Temperament zumeist in der Gewalt, liebt illusionslos seine Heimatstadt, seine Kollegen, seine Familie. Doch immer wieder muß er Freunde, Kollegen und bewunderte Menschen gewaltsam sterben sehen, ohne helfen oder aufklären zu können. Eines Tages wird Llob von Ghoul Malek, einer mächtigen und gefürchteten "Grauen Eminenz" in Algier, mit der Suche nach dessen verschwundener Tochter beauftragt. Die Nachforschungen führen ihn mitten hinein in einen undurchdringlichen Filz von Politik, Terror und Verbrechen, bei dem jeder seinen persönlichen Reibach machen möchte.
Kommissar Llob ist neu. Ein glaubwürdiger Charakter mit allen Fehlern und Vorzügen, die eine überzeugende Figur braucht, humorvoll und sarkastisch. Ein ungewöhnlicher Held in einem außergewöhnlichen Buch. Yasmina Khadra ist ein hochaktueller und ungewöhnlich fesselnder Polit- und Polizei-Thriller zu den Ereignissen in ihrem Heimatland gelungen. Man kann nur hoffen, bald von dieser kritischen Autorin noch mehr zu hören und zu lesen. Eigentlich brauchte man es nicht eigens zu betonen: Yasmina Khadra schreibt unter Pseudonym. --Ulrich Deurer
Neue Zürcher Zeitung
Leichentuch im Postpaket
Ein algerischer Kriminalroman von Yasmina Khadra
Wie lässt sich über den Schrecken schreiben? Beispielsweise über den unsäglichen algerischen Krieg, der nach dem Abbruch der Wahlen 1992 begann, bei dem es keine Fronten gibt, die Mörder geradeso aus dem Lager der Fundamentalisten wie aus dem der Regierung stammen können und hauptsächlich Unbeteiligte sterben. Ein Krieg, der bisher über hunderttausend Tote gefordert hat und der trotz allen Beteuerungen der neuen politischen Führung wenn auch mit geringerer Intensität weitergeht.
Die Algerierin Yasmina Khadra gibt auf diese Frage eine eher banal wirkende Antwort: Sie schreibt Kriminalromane. Inzwischen ist eine Trilogie erschienen, der erste Band daraus, «Morituri» (1997), liegt nun auch auf deutsch vor. Die Gattung des Kriminalromans kommt hier der gesellschaftskritischen Intention insofern entgegen, als verbrecherische Gewalt zu seinen konstituierenden Elementen gehört. Und diese ist in «Morituri» in einem Masse vorhanden, dass die Lektüre mitunter prekär wird. Es gibt indes keine Leiche am Anfang, deren Mörder es im Laufe des Romans zu finden gilt. Daher zählt ihn Beate Burtscher-Bechter in ihrem informativen Nachwort zur Gattung des «roman noir», als dessen Eigenheit sie gerade die Parallelität von Verbrechen und Ermittlung bezeichnet.
Erzählt wird «Morituri» von Kommissar Llob, einem in Algier bekannten Polizisten, der durch seine Unbestechlichkeit beeindruckt und nebenbei auch Romane schreibt. Ihn kennzeichnet überdies eine starke Emotionalität, die ihn angesichts des Schreckens alle kriminalistische Coolness verlieren lässt. Das macht die Lektüre nicht leichter, verunmöglicht einem doch diese Identifikationsfigur jegliche Distanznahme vom Romangeschehen: vom Verschwinden Sabrine Maleks, der Tochter eines ehemaligen Repräsentanten der Nomenklatura, der nach wie vor machthungrig seine Fäden spinnt; vom frivolen Treiben der algerischen Schickeria und ihrer Adlaten im Nachtklub «Limbes Rouges»; von der Fahndung nach Abou Kalybse (die Assonanz ist kein Zufall), einem geheimnisumwitterten Emir der Fundamentalisten; vom brutalen Mord an einem von Llobs Kollegen; von den Todesdrohungen gegen den Kommissar am Telefon oder mittels eines Pakets, das Seife für die Totenwäsche und ein Leichentuch enthält.
Deprimierend wird die Lektüre auch dadurch, dass das Geschehen nicht als die Imagination eines phantasievollen Autors betrachtet werden kann. Wer die Medienberichte über das algerische Martyrium einigermassen verfolgt, stösst immer wieder auf Bekanntes, etwa auf die Ermordung des Schriftstellers Tahar Djaout im Mai 1993. In einem Fax-Interview mit «Le Monde» sagt Khadra: «Alles, was ich sage, ist wahr. Vielleicht etwas literarisiert. Es handelt sich um ein genaues Abbild der algerischen Realität, eine messerscharfen Analyse des Integrismus.» Im gleichen Interview steht zu lesen, dass «Yasmina Khadra» ein aus Gründen der Sicherheit und wegen familiärer Rücksichten angenommenes Pseudonym ist. Dahinter verbirgt sich ein Schriftsteller, der bereits vor zwanzig Jahren zwei Romane veröffentlicht hat. Neuerdings hat er das Genre des Kriminalromans wieder verlassen.
Trotz aller Schwere hat «Morituri» auch etwas Verführerisches: eine aussergewöhnliche Sprache, die unterkühlte Berichterstattung mit Poesie zu vereinen versteht, die von überraschenden Bildern und Vergleichen lebt, die ihren Reichtum von den unteren Rändern des sprachlichen Spektrums nimmt, ohne vulgär zu wirken (eine schwierige Aufgabe für die Übersetzung, die Bernd Ziermann und Regina Keil-Sagawe trefflich gelöst haben). Auch die Perspektive des Ich-Erzählers überzeugt: Obwohl Llob durch seine Funktion selber Teil der staatlichen Macht ist, übernimmt er nicht deren Sichtweise. Er macht nicht einfach Jagd auf fundamentalistische Terroristen. Ohne diese in irgendeiner Weise zu entschuldigen oder gar zu verklären, zeigt er auch das monströse Antlitz der Macht in Algerien: eine Finanz- und Politmafia, die vor nichts zurückschreckt, um ihre aus dem Unabhängigkeitskrieg und dem Staatssozialismus stammenden Privilegien zu verteidigen. So entsteht in «Morituri» ein präzises Bild von der komplexen Gestalt des algerischen Schreckens.
Heinz Hug