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Konsequenzen aus dem Holocaust
Der Morgenthau-Plan in neuerer Sicht
«Müsste man das 20. Jahrhundert auf einen Nenner bringen, dann wäre es nicht verkehrt zu sagen: Es war ein Jahrhundert der Kriege und der Vernichtung und eine Zeit, in der die Henker ob Folterknecht oder Schreibtischtäter meist ungeschoren davonkamen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, scheiterten die Versuche, mit politischen oder strafrechtlichen Mitteln auf Kriegsverbrechen, Völkermord und, wie es in der Nürnberger Anklageschrift hiess, crimes against humanity zu reagieren.»
Mit diesen Sätzen beginnt der Hamburger Politologe Bernd Greiner seine Untersuchung über den sogenannten Morgenthau-Plan. Und Greiner lässt keinen Zweifel, dass er seinen Initiator, den amerikanischen Finanzminister Henry Morgenthau Jr., einer grundlegend neuen Bewertung unterzieht: Radikaldemokrat, Wirtschaftsreformer und Antifaschist, der mit den Mitteln der Diplomatie und der Justiz den Nazi-Verbrechen begegnen wollte so lautet Greiners Charakterisierung des umstrittenen Politikers.
Zerrbild des Rächers
Noch immer hat sich in der Nachkriegsgeschichtsschreibung am verzerrten Bild Henry Morgenthaus nur wenig geändert. Hass und Rache von alttestamentlichem Charakter sprächen aus diesem Plan, hatte bereits Propagandaminister Goebbels im September 1944 lauthals verkündet kurz nach der Unterzeichnung des Morgenthau-Plans durch den amerikanischen Präsidenten Roosevelt. Nicht ohne Erfolg, denn bis heute gilt Morgenthau in der Bundesrepublik meist als Unperson und als jüdischer Racheengel. Ende der 70er Jahre schrieb der Historiker Friedrich Jerchow, Morgenthaus Plan einer deutschen Nachkriegsgesellschaft sei der Barbarei nationalsozialistischer Verbrechen kaum nachgestanden Deutschland ein Land auf der Stufe eines Agrarstaates, ohne eigene Industrie und ohne Militär, wären seine Vorstellungen Wirklichkeit geworden.
Nach drei Jahren Forschungsarbeit und mehreren Studienaufenthalten in den USA kommt Greiner, Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung, zu einem anderen Morgenthau-Bild. Als erster deutscher Sozialwissenschafter hat Greiner Morgenthaus Handakten eingesehen, seine über 900 Bände umfassenden Tagebücher ausgewertet, ebenso zahlreiche Untersuchungen und Protokolle der amerikanischen Regierung. Greiners überzeugende These: Für Morgenthaus Handeln war das Wissen um die Ermordung der europäischen Juden entscheidend. «Ohne Rücksicht auf die eigene Person», so Greiner, «unter Absehung aller karrierepolitischen Interessen wollte er die Verbrechen in den Vernichtungslagern an die Öffentlichkeit bringen.»
Erinnerung an den Armeniermord
Henry Morgenthau wurde 1891 in New York geboren und stammte aus einer wohlhabenden deutsch-jüdischen Familie. Sein Vater war Bankier und Makler, bevor er in der Demokratischen Partei politisch aktiv wurde. Morgenthau studierte Landwirtschaft, war Doktor der hebräischen Literatur und der humanistischen Wissenschaften. Politische Ambitionen hatte er keine, bis ihn Präsident Roosevelt 1934 zum Finanzminister berief.
In Fachkreisen und an der Wall Street galt Morgenthau zunächst keineswegs als ausgewiesener Finanzexperte. Das heisst jedoch nicht, dass er sein Amt voraussetzungslos ausgeübt hätte. Sein Vater, Henry Morgenthau Sr., war im Ersten Weltkrieg Botschafter der USA in der Türkei und wurde so Augenzeuge des Völkermords an den Armeniern. Er versuchte damals nicht nur, die Weltöffentlichkeit auf diesen Genozid aufmerksam zu machen, er hielt es für seine Pflicht, die Schuldigen zur Verantwortung zu ziehen. Beim jungen Morgenthau hat das einen bleibenden Eindruck hinterlassen: erstens die Erfahrung des Massenmords, zweitens die politische Intervention seines Vaters und drittens schliesslich die Tatsache, dass trotz diesen Bemühungen die Täter straffrei davonkamen.
Entwaffnung eines gefährlichen Staats
Als Finanzminister kontrollierte Morgenthau die amerikanischen Ausfuhrbewilligungen. Seine Kenntnisse über die deutsch-amerikanischen Geschäftsbeziehungen waren sehr detailliert und erlaubten ihm erste Einblicke in das Innenleben des NS-Staates, wie Greiner anhand der Dokumente nachweist. In der Investitionspolitik und den rüstungspolitischen Interessen grosser deutscher Konzerne kannte er sich von Amts wegen gut aus. Daher sah Morgenthau bereits Mitte der 30er Jahre im Dritten Reich eine Gefährdung des Weltfriedens. Er war der Auffassung, Hitlers Expansionspolitik stehe in der Kontinuität eines aggressiven deutschen Nationalcharakters. Die symbiotische Verzahnung von NS-Partei und Wirtschaftselite war dabei grundlegend für sein Bild vom Nationalsozialismus.
In der Tat sah das Memorandum einschneidende Regelungen für die Nachkriegszeit vor: die Aufteilung Deutschlands in einen Nord- und einen Südstaat, beide autonom und auf föderativer Grundlage. Dazu kamen erhebliche Gebietsabtretungen: im Westen an Frankreich und im Osten an Polen und die Sowjetunion. Mit den Russen war darüber hinaus eine enge Kooperation geplant, um so einen raschen Rückzug der amerikanischen Truppen aus Europa zu ermöglichen. Ausserdem sollten deutsche Zwangsarbeiter im Ausland Kriegsschäden beseitigen. Schliesslich forderte Morgenthau eine Bodenreform zugunsten kleinerer und mittlerer landwirtschaftlicher Betriebe, nicht jedoch die Rückverwandlung Deutschlands in einen Agrarstaat. Zentral blieb die völlige Entwaffnung der Streitkräfte, um Deutschland als potentiellen Aggressor ein für allemal unschädlich zu machen.
Greiner zeigt, dass sich Morgenthau in Fragen der Entnazifizierung gegen die «Outlaw»-Theorie stellte, nach der nur die kriminellen Eliten, also die Führer und Funktionäre des Regimes und der NSDAP, Verantwortung für die Verbrechen trugen. Morgenthau sah die Schuldigen vielmehr in den Reihen der Militärs, in der Bürokratie, der Nazi-Partei und in der Industrie, nicht zuletzt in der Zwangsgemeinschaft der Halbverstrickten, Mitläufer und Angepassten. Seine Vorschläge zielten daher auf eine Politik der vier grossen «D», und die hiessen: Demilitarisierung und Denazifizierung, Dekartellisierung und Demokratisierung. «Würde dieses Programm nicht radikal durchgeführt, hätte dies unabsehbare Folgen. Diese Burschen sind ja so schlau und solche Teufel. Bevor man sich's versieht, haben sie wieder ein Heer, das marschiert», schrieb Morgenthau in sein Tagebuch und formulierte weiter: «Die Lösung scheint schrecklich, unmenschlich grausam zu sein. Wir haben den Krieg nicht gewollt. Wir haben nicht Millionen Menschen in die Gaskammern gejagt.»
Ein Mittel interner Provokation
Morgenthaus Deutschlandplan erwuchs gerade aus dem Wissen um den Holocaust. Bereits Ende 1942 besass Morgenthau zuverlässige Berichte über die Todesfabriken in Auschwitz und anderswo. Insofern komme Morgenthaus Plan einer «politischen Notbremse» gleich, schreibt der Autor. Morgenthau wollte damit seine politischen Gegner in der Administration Roosevelt, die zu weitgehenden Konzessionen gegenüber Nazi-Deutschland bereit waren, aus der Reserve locken wohl wissend, dass seine Neuordnungspläne für Nachkriegsdeutschland bei ihnen auf massiven Widerstand stossen mussten: «Jetzt ist noch nicht die Zeit der Kompromisse», schärfte er seinen Mitarbeitern ein und gab die Losung aus: «Let someone else water it down.» Morgenthaus Gegner in der amerikanischen Regierung machten selbst vor antisemitischen Beschimpfungen nicht halt und nannten ihn einen «amerikanischen Himmler». Der öffentliche Druck auf den Präsidenten wuchs, Roosevelt fürchtete um seine Bestätigung bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen und zog seine Unterschrift zurück. So kam der «Morgenthau-Plan» zu Fall ein Memorandum, bei dem es sich laut Greiner zunächst um vorläufige Überlegungen handelte, bestimmt zur Diskussion im kleinen Kreis, um auf die Nazi-Verbrechen hinzuweisen und alle Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen zu können.
In der Bundesrepublik ist dieser Kontext noch kaum beachtet worden. Bisher gab es lediglich eine einzige grössere Morgenthau-Untersuchung eine 390 Seiten umfassende Monographie von Kurt Keppler mit dem verklärenden Titel «Tod über Deutschland». Dagegen steht die Erinnerung an einen engagierten Politiker, dessen Erkenntnis schlicht und einfach lautete: Völkermord und Aggressionskrieg dürfen nicht ungesühnt bleiben. Darüber wollte Morgenthau einen politischen Streit vom Zaune brechen, darauf hatte er all sein intellektuelles Bemühen gerichtet: Es gibt keine Normalität im Schatten der Vernichtung.
Michael Marek
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