Entgegen der oft anzutreffenden Charakterisierung Nietzsches als "Immoralist" zeugt "Morgenröte" vom hohen moralischen Anspruch Nietzsches.
Nietzsche charakterisiert "Moral" als "wahre" Wirklichkeit, die der Rechtfertigung politischer Herrschaftsansprüche und der Steuerung sozialen Verhaltens dient und damit ein ideologisches Moment besitzt.
Daneben dient nach Nietzsche jede moralphilosophische Konstruktion als "wahre" Welt dem Wunsch nach Befreiung vom Druck der Realität als Erfahrungswelt, in der eben die propagierte Moral nicht gilt. Mithin stellt Moral in sich selbst die Flucht in eine nicht von Natur und Geschichte bewiesene Moral dar, obwohl dieser Idealisierung als Entlastung beständig durch Natur und Geschichte widersprochen wird (Vorrede).
Nietzsche selbst sieht sich hier als "Luft-Schiffahrer des Geistes", der der herrschenden Moral entkommen ist.
Morgenröte kann als Ouvertüre zum Tod Gottes, der Lehre vom Übermenschen, dem Nihilismus und der ewigen Wiederkehr gesehen werden, die in der "fröhlichen Wissenschaft" weiterentwickelt wird. Denn mit der Erkenntnis der Moral als Konstrukt von längst nicht mehr gültigen Wahrheiten wie Religion wird der Weg freigemacht für eine neue Moral als "Umwertung aller Werte", die Nietzsche nicht mehr ausführen konnte.
Es lohnt sich, diese Kultur- und Moralkritik zu lesen. Denn sie ist heute aktueller als im 19. Jahrhundert.
Kaufempfehlung.