Hesse skizziert die Regungen des Verstandes und die Reinigung des Gewissens wie kaum ein anderer Schriftsteller es vermag...
Er zeigt auch in diesem Buch auf, wie meisterhaft er versteht, die Macht und Machtlosigkeit der Worte vor Augen zu führen. Die Morgenlandfahrt ist die Reise nach Innen, nach Osten, nach dem Jenseits, der Weisheit des Lebens im Augenblick, das Abenteuer der Selbstfindung und der Traum der Einswerdung mit dem bedeutsamen Ganzen: dem Bund des Lebens! "Und ihr wisset, sobald das Leid groß genug ist, geht es vorwärts... Diesseits dieser Verzweiflung leben die Kinder, jenseits die Erwachten..." (91f)
Die hundert Seiten habe ich an zwei Nachmittagen mit wachsender Begeisterung gelesen. Dabei habe ich Bilder, Farben, Töne, Klänge, Melodien, Stimmungen, Täuschungen und Ent-Täuschungen miterleben dürfen. Hesse hat wie im "Steppenwolf" und "Demian" einen Teil des Weges seiner Selbsterkenntnisreise nachgezeichnet und beschreibt die Schwierigkeit, eben dies zu tun. Zugegeben, die ersten 20 Seiten erschienen mir etwas schleppend, doch könnte dies nicht am Aufbau des Buches, sondern an der eigenen Erwartungshaltung liegen?
Der Protagonist H.H. erzählt aus der Ich-Perspektive seine Erfahrungen, Fehlinterpretationen, Einbildungen und Projektionen. Wir erfahren nach und nach, was es heißt, die eigene Verzweiflung und Entmutigung anderen Menschen anzudichten und aufzulasten, um schließlich zu merken, dass sich Dünkel mit dem Deckmantel der Demut tarnen kann und dass Übereifer und Geltungsdrang (also Symptome eines aufgeblasenen Egos) nicht Loyalität beweisen, sondern etwas ganz Anderes darstellen: "Novizendummheiten... die sich dadurch erledigen, dass wir über sie lächeln." (87)
Klare Leseempfehlung fürs nächste Wochenende. Ein einzigartiger Lesegenuss. Ich wünsche Dir von Herzen viel Freude und Einsicht.