Dieses Buch ist ein Erfahrungsbericht einer Frau, die selbst an Schizophrenie erkrankt ist, wieder gesund wurde und heute als Psychologin arbeitet. Sie beschreibt den schleichenden Weg in die Krankheit, die Einsamkeit ihrer Kindheit und Jugend, die großen Anforderungen, die sie an sich stellte und wie aus ihren eigenen unerfüllbaren Erwartungen ein Teufelskreis wurde. Sie erschuf sich einen Kapitän, der ihr Kommandas zubrüllte, sie sah Wölfe, die sie verfolgten und sie verstand immer weniger von der Welt der "Gesunden".
Das Buch beschreibt zu einem Großteil ihren Aufenthalt in verschiedenen Kliniken. Interessant ist es v.a. durch die "Betroffenenperspektive", die durch ihr späteres Psychologie-Studium und ihre Arbeit so professionell aufgeschlüsselt wird, dass man die Schizophrenie in weiten Teilen verstehen lernt. Es werden auch einige grundsätzliche Dinge gesagt, die einfach als Hintergrundinfo ganz nützlich sein können. Z.B. sind einige Symptome durch den Klinikalltag erklärbar. Die meiste Zeit besteht aus Langeweile und so erklärt die Autorin, dass es nur ganz logisch ist, dass sie oft Papier aß, um die Leere in sich zu füllen. Oder es wird auch die ganz andere Logik eines Kranken verständlich gemacht. So geschah es einmal, dass eine Schwester versehentlich etwas liegen ließ, weil sie zu einem Notfall gerufen wurde und die Autorin, die zu dieser Zeit alles Zerbrechliche zerbrach, um sich damit zu schneiden, sah dieses Versäumnis der Schwester analog zu den Befehlen des Kapitän als Aufforderung, sich umzubringen. Natürlich hatte die Schwester dies keinesfalls intendiert, aber in den Augen Arnhilds konnte es nur so gemeint gewesen sein.
Es wird auch ein trauriger Aspekt dargestellt. Die Autorin wurde nicht nur einmal in die Klinik eingewiesen und dies häufig durch die Polizei. Ein Mal geschah es, dass es sich um charakterlich nicht sehr integre Polizeibeamte handelte und sie machten sich einen Spaß daraus, sie lächerlich zu machen, zu demütigen und auszulachen. Ich für meinen Teil finde es beängstigend, dass jemand, der sich nicht wehren kann, in seiner Menschenwürde derart verletzt wird.
Wichtig und auch deutlich beschrieben, finde ich ihre Einsicht, dass die "Symptome dem Kranken gehören". Das heißt, dass sie niemand außer diesem so gut deuten kann. Ihre Bedeutung kennt nur der Betroffene und er muss sie, natürlich mit Hilfe, herausfinden. Überhaupt finde ich es erstaunlich und respekteinflößend, wie sie sich ihre Krankheit "zu eigen" macht. Es gibt wohl wenige Betroffene, die mit sich und ihrer Schizophrenie so im Reinen sind und so gut damit umgehen und darüber reden können. Wohl beschreibt Arnhild aber auch den jetzigen Umgang einiger Kollegen oder Bekannter, der trotz ihrer vollständigen Gesundung, nicht völlig vorurteilsfrei ist.
Dieses Buch leistet einen großen Beitrag zum Verständnis einer häufig missverstandenen und verrufenen Krankheit. Für diese Leistung verdiente es eigentlich fünf Sterne. Ich entscheide mich dennoch für vier, da es in meinen Augen zwei Mankos hat. Zum einen fehlt eine Erläuterung zum familiären Hintergrund. Dies ist zwar zum Schutz der Familie verständlich, aber es ist doch ein blinder Fleck in diesem Lebensbericht, da dadurch eine meiner Fragen unbeantwortet bleibt: Welche Rolle spielte die Familie bei der Krankheitsentstehung? Zum anderen bleibt auf der psychologischen Ebene für mich unklar, warum oder wie Arnhild wieder gesund geworden ist. Es werden zwar die sozialen Belange behandelt, wie sie langsam wieder außerhalb der Klinik zu leben lernte, welche Hilfestellungen sie bekam usw. Aber was ist der Grund, was hat sich für sie verändert, dass sie wieder gesund werden konnte? Diese beiden Fragen bleiben für mich ungeklärt und deshalb vier Sterne. Nichtsdestotrotz sehr lesenswert und spannend!