Der Ansatz, den Dirk Schwieger in seinem MORESUKINE wählt, ist so erfrischend unwestlich wie experimentell. Schwieger hält sich nicht mit verkitschten Vorurteilen über die Skurrilität der Japaner und ihrer Gewohnheiten auf, sondern eröffnet seinen Lesern die Möglichkeit, ihre Vorstellungen und Projektionen - mit seiner Hilfe - mit der "Wirklichkeit" Tokyos abzugleichen. Die dabei entstehenden Comicepisoden sind dann geprägt von Humor und vielen überraschenden visuellen Einfällen. Jedes Thema wird ernstgenommen und erhält auf knappem Raum seine eigene charakteristische Erzählweise und Seitenaufteilung.
Die gesammlten Episoden erheben nicht den Anspruch eines erklärenden oder vollständigen Japanführers. Im Gegenteil, der persönliche Filter, durch den Schwieger erzählt, wird deutlich in allen Episoden reflektiert. Und wahrscheinlich ist MORESUKINE auch deshalb ein Buch über viel mehr als Japan: Es handelt vom Leben und Zurechtkommen in der Fremde insgesamt, von Erwartungen und Halbkenntnisse, von den Mythen, die da draußen in der Welt kursieren und sich neben aller Realität als ebenso real behaupten können. Am Ende bleibt auch MORESUKINE eine wunderbare Erzählung.
Die Aufmerksamkeit, die Schwieger seinem Leser und seinem Thema entgegenbringt, setzt sich auch in der Gestaltung der Buchversion fort. Hier wird mit Liebe zum Detail das Cover gestaltet und das Lesezeichen eingesetzt, eine Episode ist zum Ausklappen gefaltet. Und zum Schluss gibt es noch zehn Gastbeiträge von anderen Zeichnern, die Schwieger gebeten hat, ihre Begegnung mit einem Japaner oder japanischer Kultur in einem Comic festzuhalten.
Insgesamt ein rundes Produkt. Und für mich persönlich war dieser Comic ein Genuss! Kaufen, lesen, weitererzählen, verschenken!