Dieser Film existierte bisher nur auf Platte. Oder in den Köpfen von Cineasten, die früher mal Blumen im Haar trugen. Mal ehrlich: Wer hat "More" wirklich gesehen? Aufgeführt wird er im 10-Jahres-Rhythmus in Off-Kinos. Und jetzt gibt es ihn plötzlich auf DVD. Also, die umgekehrte Rezeption (und insofern auch Rezension): zuerst der Soundtrack, dann der Film.
An einem dieser überschweren, kurz vor dem Gewitter stehenden Spätsommertage ist "More" die Musik der Stunde - und gleichzeitig einer ganzen Epoche. 1969 entstanden, komponiert und eingespielt von den kommenden Platin-Legenden Pink Floyd, spiegelt der Soundtrack aufs Treffendste das visionäre und gleichzeitig morbide Lebensgefühl der Spätsechziger wider. Ein Umbruch wie kurz vor dem Gewitter, Chaos nach einem unbeschwerten Summer of Love. Auf den spacigen, verträumten Opener "Cirrus Minor" folgt "The Nile Song", der unvermittelt in die Realität einbricht. Schneidend lauter, brachialer Hardrock, als es diesen Stilbegriff noch gar nicht gab. Ein ähnliches Entsetzen evozierten nur die Beatles mit ihrem phänomenalen "Helter Skelter". Am Ende der Dekade waren Pink Floyd gerade dabei, den Underground in Richtung Supergroup zu verlassen. Noch ist der Erfolg von "The Dark Side Of The Moon" nicht in Sicht. "More" wartet noch ab, ist kein experimentelles Psychedelic-Erlebnis wie die fast gleichzeitig erschienene Live/Studio-Doppel-LP "Ummagumma", kein Beatles-Wetteiferer wie der mit Syd Barrett eingespielte Erstling "The Piper At The Gates Of Dawn". Und doch: Was die vier Soundtüftler hier zu den Filmbildern des Regisseurs Barbet Schroeder liefern, ist einzigartig. "More" ist das Surrogat einer Zwischenzeit, ein Vorahnen jenes kleinen Schrittes von der Ekstase zum Absturz. Vom butterblumenbunten Liebesrausch zum knallharten Drogenwahn. Drei Wochen vor Veröffentlichung des Soundtracks wechselte Brian Jones von den Stones ins Jenseits, Jimi Hendrix sollte ein Jahr später folgen. Jim Morrison wurde bärtig und dick und ersoff in einer Pariser Badewanne. Die Rebellion krepierte in Erbrochenem. When the music's over ...
Die Story: Deutscher Student (Klaus Grünberg) trampt nach Paris, lernt auf einer Party das Hippiemädchen Estelle (Mimsy Farmer) kennen und folgt ihr nach Ibiza, der Hochburg der Aussteiger. Estelle nimmt Drogen, er auch. Die Drogen werden härter. Zu spät erkennt Stefan, der sich in Estelle verliebt hat, dass sie mit einem Alt-Nazi auf der Insel lebt, der von dort aus ein Heroin-Imperium kontrolliert. Stefan bringt sich mit einer Überdosis um. "Obwohl der Film schier alle Varianten und Facetten des Drogenfilms durchspielt, entgeht er doch elegant dem Dilemma der Strukturlosigkeit durch eine zielstrebig und genau erzählte Geschichte", urteilte die Kritikerin Annette Kilzer im tip Berlin (14/92). "Todesahnungen, apokalyptische Motive, die Erkenntnis Stefans, dass diese Reise ein Experiment sei, an dem er vielleicht zerbreche, durchziehen 'More' (...) - ohne dass es ein morbider, sich in Todessehnsucht ergehender Film wäre."
Ein Publikumsrenner sollte der Film dennoch nicht werden. Denn welcher Junghippie wollte schon seine Träume platzen sehen, welcher anständige Bürger wollte sich von solch einem Streifen im Kino unterhalten lassen? Die deutsche Verleihfirma verpasste "More" einen neuen Titel: "Gier nach Lust" fand den direkten Weg in die Sex- und Schmuddelecke. Für seinen Hauptdarsteller, der Mitglied des Staatstheaters in Kassel war, endete dieses Experiment mit einem frühzeitigen Karrierestopp. Nur für Pink Floyd machte sich das Engagement bezahlt. Für "La Vallée" produzierten sie 1972 einen weiteren Soundtrack im Auftrag von Barbet Schroeder (erschienen als "Obscured By Clouds"). Wieder geht es um einen seltsamen Trip: die Suche nach einem mythischen Tal in Neuguinea.