Als Ständiger Vertreter Luxemburgs bei der WTO ist Jean Feyder Vorsitzender des Komitees für die am wenigsten entwickelten Länder der Welt (einer Gruppe von etwa 50 Ländern die nicht umsonst auch als Vierte Welt deklariert werden), auch weil er einst Direktor für Entwicklungszusammenarbeit im luxemburgischen Außenministerium war. Wie Jean Claude Juncker im Vorwort bereits betont gehört Luxemburg zu jenen sehr wenigen Ländern die mit ihren Investitionen in Entwicklungszusammenarbeit weit über dem europäischen Durchschnitt liegen und nicht zuletzt auch wegen Feyders Engagement in dieser Angelegenheit. Das Vorwort Junckers mag zwar vor allem Luxemburgs Führungsrolle in Sachen Entwicklungshilfe herausstreichen, doch erweist sich das im weiteren Verlauf des Buchs genauso wenig als störender Faktor wie Jean Feyders diplomatischer Hintergrund. Im Gegenteil Feyder nimmt die Industriestaaten in die Pflicht und nimmt Luxemburg dabei nicht aus, auch wenn er es nicht explizit erwähnt, muss er auch nicht, denn seine Perspektive ist erheblich breiter und sogar nicht bloß europäisch sondern global gefasst.
Feyders Perspektive ist es wohl auch die es ihm erlaubt derart "schonungslos" an den Themenblock Ernährungskrise heranzugehen und dabei nicht dem Zwang zu erliegen, wie etwa manch aufklärerische Politiker nichts weiter als sich oder zumindest ihr Parteiprogramm zu empfehlen. Mordshunger ist vor allem eines, eine Kritik am verheerenden und durch die Finanzkrise wohl noch weiter zementierten Ist-Zustand der globalen Entwicklungspolitik, die sich in eine Richtung entwickelt hat, die sie die 2000 für das Jahr 2015 gesetzten Milleniumsziele nicht nur katastrophal verfehlen lässt, sondern zu einem drastischen Anstieg der globalen Armut geführt hat. Allerdings Feyders Ausführungen sind vor allem überblicksartig, er schafft es die Komplexität der Lage dadurch zwar anschaulich darzustellen und eine Menge Fakten unterzubringen, muss sich aber auch bei der konkreten Darstellung von Beispielfällen einschränken.
MORDSHUNGER beginnt zunächst mit einer Untersuchung der Gründe für einen Anstieg der weltweiten Zahl chronisch Unterernährter. Dafür macht Feyder allerdings nicht einzelne Firmen und Regierungen hauptverantwortlich, sondern das bestehende Dogma vom unfehlbaren Markt. Denn die von Weltbank und WTO in der Vergangenheit vorangetriebenen Marktliberalisierungsmaßnahmen in der Dritten Welt haben die dortigen Wirtschaften massiv erschüttert, wenn nicht zerstört. Durch die Subvention von Agrarexporten aus Europa oder den USA wurden die Kleinbauern zudem oft ihrer Existenzgrundlage beraubt, so dass es nicht verwundert wenn in Haiti Hungeraufstände ausbrechen, hat das Land seine Einfurhzölle auf Reis immerhin auf nur noch 3% abgesenkt. Dass der Abstieg der Kleinbauern mehrheitlich Frauen betrifft erwähnt Feyder noch nebenbei. Die globale Ungerechtigkeit hat also weiter reichende Folgen als den meisten zunächst bewusst ist, denn Hunger frisst Chancen, vor allem wenn Haushalte in der Dritten oder Vierten Welt über 80% ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben müssen. Landflucht und Migration sind nur letzte Konsequenzen dessen.
Doch das sehr vielschichtige Beispiel Haiti ist nur eines von vielen, Feyder untersucht in seiner Kritik selbst Staaten wie China, Indien und Brasilien. Es ist vor allem der zweite große Abschnitt des Buchs indem Feyder für ein Überdenken der derzeitigen Entwicklungspolitik eintritt. Gerade unterentwickelte Staaten sollten ihre Märkte schützen dürfen, schließlich habe genau solche Protektion einst auch den Industrieländern zu jener wirtschaftlichen Stabilität verholfen, die sie nun auch auf möglichst freien Märkten konkurrenzfähig bleiben lässt. Marktliberalisierungen seien nach Feyder in der Vergangenheit einfach zu früh durchgeführt worden. Ebenso gilt es die Souveränität der Entwicklungsländer in ihrer Prioritätssetzung in Hinsicht auf ihre Industriepolitik zu respektieren und der Landwirtschaft in Zeiten von Klimawandel, Wasserknappheit und Überfischung der Meere ihren Platz als für viele Länder wichtigsten Wirtschaftsfaktor wieder zuzugestehen. Das funktioniert wohl aber nur wenn ein Umdenken in den tragenden Institutionen einsetzt, um den Kleinbauern wieder eine Chance zu geben.
In einem dritten großen Abschnitt seines Buchs beschäftigt sich Feyder schließlich mit den wichtigsten Akteuren in der Entwicklungspolitik, wie die USA, die EU, China, Indien, Brasilien oder auch der Agrarindustrie und den Agrartreibstoffen. Gerade für die EU hat Feyder auch Empfehlungen formuliert wie ein sinnvoller Kurswechsel in der Entwicklungspolitik aussehen kann, im Gegensatz zur USA wo er sich verständlicherweise nur auf eine Untersuchung der Trends beschränkt. Am Beispiel der BIC-Staaten untersucht Feyder hingegen nationale Besonderheiten (chinesische Wanderarbeiter oder die Verschuldung der indischen Kleinbauern) und ihre mögliche Vorbildwirkung (Chinas Afrika-Beziehungen oder Brasiliens Erfolge auf dem Weg zur Erfüllung der Milleniumsziele). Dazu gesellt sich eine durchaus an den Film "We feed the World" erinnernde Kritik am Agieren transnationaler Unternehmen, in diesem Fall explizit des Gen-Saatgut-Herstellers Monsanto, aber auch welche Konsequenzen eine intensivere Nutzung von Agrartreibstoffen haben kann (Preisschwankung, zerstörerische Pflanzenkulturen).
- Resümee -
Trotz einer Vielzahl an Daten und Fakten schafft es Jean Feyder dem Leser den Überblick behalten zu lassen, da er sich auf einen möglichst prägnanten und damit sehr eindringlichen Stil verlassen kann. Doch der schiere Umfang des Themas und die Notwendigkeit den Text in manchen Bereichen auf das notwendigste zu beschränken (wie im abschließenden Kapitel über die Akteure) lassen erkennen dass Mordshunger doch nur ein Abriss ist.
Fazit:
Um sich einen Überblick zu verschaffen lohnenswerte Lektüre, die jedoch aufgrund der Größe des Themas, der Vielzahl seiner Facetten und des Bemühens um eine prägnante Darstellung oft nicht in die Tiefe gehen kann.