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Kurzbeschreibung
Tod eines Autors: eine hinreißende Satire auf die internationale Verlagswelt, verwoben mit einer rasanten Kriminalhandlung - witzig, scharfzüngig, spannend!
Klappentext
Judith Kelman
"Martha Grimes ist reine Poesie."
Particia Cornwell
"Wenn Sie glaubten, eine immer wieder überraschende Handlung und hinreißend exzentrische Figuren aus den Inspektor-Jury-Romanen der Autorin zu kennen, werden Sie staunen, was Sie bei 'Mordserfolg' erwartet. Dieses Buch ist nicht zu überbieten an Raffinesse, Witz und Bösartigkeit - ein gelungener Wurf!"
Robert Parker
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Über den Autor
Auszug aus Mordserfolg von Martha Grimes, Cornelia C. Walter. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
1
Paul Giverney zielte mit einem Papierflieger auf das Fenster seines kleinen Arbeitszimmers (»Büro-Gästezi.« laut Wohnungsanzeige) und sah zu, wie das Ding im Sturzflug zu Boden fiel. Das Apartment der Giverneys lag im New Yorker East Village, also in einer Gegend, die nicht ganz so angesagt wie das Greenwich Village war. Die Miete war dennoch astronomisch, der Makler ein elender Schuft, doch sie liebten ihre Wohnung, vor allem Paul hing an seinem »Büro-Gästezi.«, das genau die richtige Größe hatte, um Bücherregale, Schreibtisch, Computer und ein paar Stühle darin unterzubringen, und dessen Fenster auf dicht belaubte Bäume hinausging. Hannah war sieben und liebte den Park. Molly war sechsunddreißig und liebte Dean & DeLuca, den Gourmettempel auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Paul liebte die freche, laute, durchzechte Szene vom East Village, all die Leute, die einen Katerbummel machten, die schroffen Gesprächsfetzen, die er beim Vorübergehen in der kalten Luft aufschnappte. Irgendwie wurden die Leute aus den Giverneys nicht ganz schlau: Sie waren steinreich, lebten aber in einer Mietswohnung im East Village. Warum konnte Central Park West sie nicht verlocken? Warum ergaben sie sich nicht den Sirenengesängen von Sutton Place oder zogen ins elegante Dakota Building? Warum nur? Nun, sie taten es eben nicht. Einen Großteil seines Geldes, ein gutes Drittel nämlich, ließ Paul wohltätigen Zwecken zugute kommen. Ein weiteres Drittel ging an Dean & DeLuca, und mit den verbleibenden ein bis zwei Millionen kamen sie recht gut über die Runden.
Auf dem Papierflieger stand eine seiner Listen mit Verlagen, auf der er schon mehrere Namen ausgestrichen hatte. Links auf der Seite standen die Verlage, rechts die Autoren. Der Flieger, den er gebastelt hatte, enthielt die lange Liste. Die Liste, die jetzt vor ihm lag, war eine gekürzte Version fünf Autoren, vier Verlage. Er strich einen von den Verlagen aus, zwei von den Autoren. Drei Verlage, drei Autoren. Er stellte sie passend zusammen.
»Machst du immer noch mit der Liste herum?«, fragte Molly, die in der Tür stand und eine Schürze umgebunden hatte. Sie war bestimmt die einzige Ehefrau in Manhattan, die zum Kochen eine Schürze trug. »Abendessen ist fertig. Wo liegt eigentlich das Problem? Du weißt doch, dass du keinen leiden kannst von den Verlagen, bis auf Farrar, Straus & Giroux, und die, behauptest du immer, würden dich sowieso nicht verlegen. Da kannst du auch gleich bei deinem alten bleiben.« Mit dem Holzlöffel in der Hand sah sie wie eine Köchin aus. Das gefiel ihm all die Requisiten und Utensilien, Schürze und Löffel, dabei machte sie bloß etwas von Dean & DeLuca in der Mikrowelle warm.
Er sagte: »Ausleseprozess.«
»Von was? Ich meine, wozu?«
Nun, sie hatte ja keine Ahnung, was er vorhatte, nicht wahr? Molly dachte, es ginge bloß darum, wer Pauls nächster Verleger werden würde. Wenn Molly Bescheid wüsste, würde sie ihn mit einem ihrer Und-ich-dachte-ich-kenn-dich-Blicke bedenken. Paul zuckte die Achseln und wusste nicht recht, wie er antworten sollte.
»Du sagst immer, es kommt aufs Gleiche heraus«, meinte sie, »es gäbe sowieso nicht viel Manövrierfläche.«
»Manövrierfläche? Den Ausdruck hab ich nie benutzt. Der ergibt doch auch gar keinen Sinn, jedenfalls nicht in diesem Zusammenhang. Spielraum vielleicht, aber nicht Manövrierfläche. Bestimmt.«
»Pinn doch die Liste einfach an die Wand« sie deutete mit dem Kochlöffel auf die betreffende Stelle »und schmeiß Wurfpfeile danach. Komm schon. Hannah ist schon am Verhungern.«
Hannah war andauernd am Verhungern. Es war ihr Lieblingsausdruck.
»Bloß noch zehn Minuten«, sagte er.
»Dann ist das Essen verhunzt.«
»Dann geh ich zu Dean & DeLuca und hol uns noch mal was Verhunztes. Bitte!«
»Okay. Aber Hannah muss ich was zu essen geben.«
Hannah stand aber direkt hinter ihr und sagte: »Bloß noch eine Minute, biii-tte.« Dabei ahmte sie den Tonfall ihres Vaters so treffend nach, dass Paul lachen musste.
Molly seufzte. »Du also auch?« Sie verschwand.
Hannah hielt ihm ein neues Kapitel ihres Buches hin. Gleich würde sie ihn bitten, es durchzulesen, bevor sie es offiziell übernahm. »Liest du das, bitte?«, fragte sie feierlich. Es war ein schwer wiegendes Ansinnen.
»Selbstverständlich«, sagte Paul mit einem ebenso tiefen Stirnrunzeln wie sie und nahm das einzelne Blatt zur Hand. Es handelte sich um das 99. Kapitel. Hannah schrieb schon ein Jahr an dem Buch, seit sie nämlich im Alter von sechs Jahren vom erstaunlichen Erfolg ihres Vaters Wind bekommen hatte. Inzwischen war sie sieben und sogar noch entschlossener, einen Literaturpreis zu gewinnen. (»Entweder den National-Book-Wettbewerb oder einen von den anderen, mir egal, welchen.«)
Ihr Buch trug den Titel Die Verhetzten Gärten. Ursprünglich hatte Paul gedacht, es müsste die »verhexten« Gärten heißen und Hannah hätte es nur falsch buchstabiert. Doch sie nannte die Gärten tatsächlich »verhetzt«, und er hatte keine Ahnung, was sie meinte. Außerdem wies er sie darauf hin, dass es ihren Gärten merkwürdigerweise an Blumen mangelte. Wieso gab es dort keine Blumen? Das hatte sie einen Augenblick stutzig gemacht. Aber nur einen Augenblick. »Weil Winter ist«, hatte sie gewandt gekontert.
Auch tummelten sich in dem Buch in letzter Zeit eine Menge Drachen, die von einer seltsamen Gestalt gejagt wurden, dem Drachenbezwinger. (Vielleicht waren die Gärten ja tatsächlich eher »verhetzt« als »verhext«, obwohl er immer noch glaubte, es sei ein typischer Hannah-Irrtum.) Dass es im Fortgang der Geschichte zu furchtbaren Kämpfen kommen könnte, versetzte sie in helle Angst. Größere Angst verursachte ihr jedoch die Vorstellung, »jemand« könnte die Idee klauen. Mehr als einmal hatte sie ihrem Vater diesbezüglich auf den Zahn gefühlt, ob er sich vielleicht mit dem Gedanken trug, ein Buch über Drachen zu schreiben.
Feierlich wartete Hannah ab, während Paul das Kapitel las. Alle Kapitel waren kurz. Obwohl es sich hier um das 99. Kapitel handelte, war das Buch erst gute achtzig Seiten lang. Paul las: »Der Drachenbezwinger verpasste dem Drachen eine gehörige Tracht Prügel.« Das sei sehr gut, meinte Paul, schlug jedoch vor, sie sollte noch einige zusätzliche Details über die »gehörige Tracht Prügel« hinzufügen. Du weißt schon wie der Drachenbezwinger dabei vorgeht, denn sie wolle doch sicher, dass ihre Leser es sich bildlich vorstellen konnten?
Hannah stützte die Stirn in die Hand, dachte einen Augenblick nach und sagte: »Okay, ich habs. Er verpasste dem Drachen von vorn bis hinten eine gehörige Tracht Prügel.« Hochzufrieden machte sie kehrt und ging.
Sie verschwand spurlos. Verdammt, sagte er sich, wieso muss eigentlich alles so hochdramatisch klingen? Er seufzte und zog mit einem Finger ein Buch aus dem Regal. Es war das neue, das gerade das Schaufenster bei Barnes & Noble zierte. Wieder ein Bestseller, wieder gute zwei Millionen. Dont Go There war der Titel. Trotz der Tatsache, dass die Hauptfigur diesmal nicht der zurückhaltende, brillante Detektiv war, über den Paul zuvor geschrieben hatte, und obwohl es darin keinen Mord und keine Schießerei gab, würde das Buch wieder bei den Kriminalromanen und Thrillern stehen. Er betrachtete den Umschlag. Es war der, den er durchgesetzt hatte, trotz der geballten Ladung von Einwänden der Grafikabteilung, hauptsächlich dass der düstere Einband ins Schwarze spielende Grautöne, dazu die einsame, zurückweichende graue Gestalt von weitem nicht zu erkennen sei. Die Buchhandelsketten mochten den Umschlag auch nicht besonders. Barnes & Noble versuchte ihn abzuschmettern und hätte es auch geschafft, wenn Paul nicht so astronomisch hohe Verkaufszahlen hätte.
Queeg & Hyde, Pauls jetziger und nun bald ehemaliger Verlag, stand nicht auf der Liste, weil es für das Spiel, das Paul sich ausgedacht hatte, dort keine geeigneten Autoren gab. Er betrachtete die Liste mit den vier Verlagen und fünf Autoren. Der Verlag, auf den er es eigentlich abgesehen hatte, hieß Mackenzie-Haack wegen seines (ungerechtfertigten) elitären Rufs und seines korrupten, hinterhältigen Verlagsleiters, Bobby Mackenzie. Paul suchte nämlich nach einem Verleger, der vor nichts zurückschrecken würde, und wenn es überhaupt einen gab, der zu allem bereit wäre, dann war es Bobby Mackenzie.
Zwei von den Autoren auf der Auswahlliste wurden von Mackenzie-Haack verlegt: Barbara Breedlove und Ned Isaly. Er strich einen der aufgelisteten Autoren aus Saul Prouil, der bei Colan Meilly nicht mehr unter Vertrag stand, bei dem der Plan also nicht funktionieren würde. Außerdem war Saul Prouil reich: altes Familienvermögen, die Tantiemen waren es jedenfalls nicht. Er war ganz einfach ein hervorragender Schriftsteller, der den National Book Award, den Pen/Faulkner, den Critics Circle und mehrere kleinere Preise gewonnen hatte.
Zurück zu seinen zwei anderen Autoren: Breedlove und Isaly. Beide hatte Paul auf einer Cocktailparty bei Mackenzie-Haack anlässlich der Buchvorstellung eines Erstlingswerks »Debütroman« (ein Ausdruck, bei dem Paul ein Brechreiz überkam) eines zwanzigjährigen Autors namens Mory oder Murray Sowieso kennen gelernt. Eigentlich ging Paul überhaupt nicht zu Buchpräsentationen, auf diese Party musste er aber, nachdem er seinen kleinen Plan ausgebrütet hatte. Barbara Breedlove war eine gute Schriftstellerin, wenn auch nicht so gut, wie sie glaubte. Außerdem war sie zu eingebildet, zu sehr in diese Autorennetzwerke involviert, hing dauernd auf Sommerseminaren herum, tauchte in Bread Loaf oder auf anderen Autorenseminaren auf, war zu sehr Szenegängerin und rümpfte zudem die Nase über Kriminalgeschichten. Bei dem Gespräch mit ihr war er sich vorgekommen, als säße er auf dem unteren Ende einer Wippschaukel und sie thronte hoch oben in der Luft.
Er brauchte einen ganz speziellen Autor, der sich nichts aus dem ganzen Verlagszirkus machte. Jemanden, der daran keinen Gedanken verschwendete. Ned Isaly war mit seinem letzten Buch für den Pen/Faulkner Award nominiert gewesen und verfügte daher über ein gewisses Prestige. Über Macht. Jedoch nicht über annähernd die Macht eines Paul Giverney. Paul wusste, dass Isaly ein viel besserer Schriftsteller war als er selbst, doch hatte die literarische Qualität mit dem Plan, den er schmiedete, wenig zu tun.
Was Paul brauchte, war schwer zu finden: ein Schriftsteller im Reinformat.
»Wie lang sind Sie schon bei Mackenzie-Haack?«
Dieses Gespräch hatte bei Mackenzie-Haack auf der Cocktailparty für Mory oder Murray stattgefunden. Er und Ned Isaly standen zusammen wie zwei auf einem Seerosenblatt gestrandete Frösche (die Metapher stammte von Ned), während das gesellschaftliche Leben um sie herum wogte.
Ned quittierte die Frage mit einem leichten Stirnrunzeln, so als müsse er die Antwort von ganz weit herholen. »Seit zwei Büchern, also seit etwa sieben oder acht Jahren.« Er hatte eine braune Ledermappe bei sich, die er sich abwechselnd von einem Arm unter den anderen klemmte, während er nach einem Platz für sein leeres Glas suchte.
»Alle drei bis vier Jahre ein Buch?«
»Das kommt ungefähr hin. Ich bin ziemlich langsam.«
»Langsam? Flaubert war langsam wenn dieses Wort überhaupt etwas aussagt.«
»Im Vergleich «
»Den Vergleich stellen Sie lieber nicht an«, meinte Paul. Ned lächelte. Paul fuhr fort: »Also, was halten Sie von Mackenzie-Haack?«
»Ach, die sind ganz in Ordnung.«
»Haben Sie den Eindruck, dass die Ihre Bücher gut verlegen?«
Wieder runzelte Ned die Stirn und suchte angestrengt nach einer Antwort. »Ehrlich gesagt, auf solche Sachen achte ich eigentlich nicht besonders.«
»Kümmert sich Ihr Agent darum?«
Ned schüttelte den Kopf. »Ich habe überhaupt keinen. Ich halte nicht so viel von Agenten.«
»Sie sprechen mir aus der Seele. Aber Sie müssen doch jemanden haben, der sich dazwischenschaltet, der aufschreit, wenn die Ihr Buch verkehrt herum drucken oder ein Ausklappbuch draus machen wollen. So was meine ich damit.«
Ned lachte. »Na ja, schließlich gibt es ja noch meinen Lektor.«
Paul tat erstaunt. »Wollen Sie damit sagen, Sie hätten einen Lektor, der sich tatsächlich um Ihre Belange kümmert?«
»Ja, Tom Kidd.«
Bei Paul regte sich plötzlich eine Eifersucht, wie er sie seit fünfzehn Jahren nicht mehr verspürt hatte, als ein Freund von ihm bei einem Verlag untergekommen war, während Pauls eigenes Erstlingswerk immer noch im Schlick unaufgefordert eingesandter Manuskripte steckte. Mann, dachte er, das soll bloß heute mal einer versuchen. »Der sagenumwobene Tom Kidd.« Einer der wenigen sehr wenigen , der tatsächlich lektorierte und das Manuskript erst dann einem Redakteur überließ, wenn er gemeinsam mit dem Autor beschlossen hatte, dass es in Ordnung war. »Der Schrecken aller Redakteure. Ich habe gehört, der geht das Manuskript sogar Zeile für Zeile durch.«
»Stimmt.«
Ein Kellner kam mit neuen Champagnerflöten vorbei, und sie tauschten ihre leeren Gläser gegen frische aus.
»Halten Sie Mackenzie-Haack für besser als, sagen wir, ach, ich weiß nicht Delacroix?« Das war ein kleiner, für höchst anspruchsvolle Literatur bekannter Verlag, der allerdings gerade von einem holländischen Konzern übernommen wurde.
»Keine Ahnung«, versetzte Ned. »Ich habe eigentlich gar nicht so viel Erfahrung mit verschiedenen Verlagen. Mein erstes Buch ist bei Downtown erschienen. Und danach bin ich zu Mackenzie gegangen.«
Downtown hatte allzu verkrampft versucht, sich einen elitären Anstrich zu geben, und war kaum ein Jahr nach Verlagsgründung wieder eingegangen. Man hatte kaum genug Zeit gehabt, Ned Isalys Buch vollends herauszubringen. Bei der Kritik hatte es jedoch viel Aufmerksamkeit erregt, was wiederum dazu geführt hatte, dass mehrere Verlage bei ihm auf der Matte standen.
»Vor zwölf Jahren wurde das veröffentlicht.« Ned schob die Ledermappe wieder auf die andere Seite, wo er sie sich unter den Arm klemmte.
»Vor zwölf Jahren konnte man ja noch unaufgefordert Manuskripte einreichen. Probieren Sie das heute mal. Da können Sie genau so gut versuchen, ein Kamel durchs Nadelöhr zu kriegen. Was ist denn in der Mappe, die Sie da so bewachen?«
»Ach, das? Ein Teil von einem Manuskript.«
»Das bringen Sie hierher, um es anzubieten? Na, es sind jedenfalls genug Buchmenschen hier, dass es sich lohnen könnte.«
Ned lächelte. »Nein, unwahrscheinlich.« Er ließ sich nicht weiter darüber aus. »Übers Büchermachen denke ich eigentlich bloß dann nach, wenn ich mich frage, wie es wohl vor fünfzig, sechzig Jahren gewesen sein muss. Allerdings« er zuckte die Achseln »stelle ich mir bei allem gern vor, wie es vor sechzig Jahren war.«
»Dann ist es Ihnen alles «
»Was?«
Paul zögerte. Egal, hatte er schon sagen wollen, aber das war der falsche Ausdruck. »Ich wollte sagen wenn Sie plötzlich ohne Verlag dastünden, wie würde das Ihr Schreiben beeinflussen?«
Ned musterte ihn verständnislos. »Sollte es das denn?«
Sollte es? Teufel auch, da verschlug es einem glatt die Sprache. »Wenn dieses Buch« Paul tippte mit seinem Glas an die Ledermappe »nicht veröffentlicht würde, wie würden Sie sich dann fühlen?«
»Dieses Buch?« Ned blickte auf die Mappe hinunter.
»Ja. Würden Sie einfach weiterschreiben?«
Ned schien ehrlich verwirrt zu sein. Paul musste innerlich schmunzeln, weil Ned ihn ansah wie einen Menschen von etwas bescheidenen geistigen Fähigkeiten und beschränkter Vorstellungskraft. »Natürlich. Sie etwa nicht? Schließlich gibt es bei Verlagen auch ein Kommen und Gehen.«
Paul hatte den Eindruck, Ned Isaly scherte sich einen Dreck um solche Dinge. Es war, als tauchte er nur gelegentlich im Leben auf so wie er auf dieser Party aufgetaucht war aus reiner Höflichkeit.
Nun saß Paul also in seinem Büro, betrachtete die Auswahlliste und erinnerte sich an dieses Gespräch. Er strich die anderen Verlage und die beiden anderen Autoren durch, so dass Ned Isaly. Mackenzie-Haack übrig blieb.
Beim Sushi fragte Molly: »Hast du dich eigentlich schon für einen Verlag entschieden?«
»Ja. Mackenzie-Haack.«
»Ist das der beste?«
»Nein. Das ist der schlimmste.« Paul grinste und aß weiter.
2
Nicht weit von Sauls Wohnung befand sich ein kleiner Park, der fast immer menschenleer war bis auf einen Stadtstreicher mit seinem Hund, ein schmachtvoll dreinblickendes Gespann, dem Saul immer eine Kleinigkeit zukommen ließ (eine erstaunlich großzügige Kleinigkeit), was vermutlich der Grund war, weshalb die beiden nicht weiter in die Ferne schweiften. Der Hund (ein betagter, offenbar reinrassiger Golden Retriever) setzte sich immer aufrecht hin und klopfte heftig mit dem Schwanz ins Gras, wenn er Saul kommen sah.
Saul mochte diesen Park, schon allein wegen dieser Leere, als wären er und seine Freunde (und der Stadtstreicher und sein Hund) die Einzigen, die von seiner Existenz wussten, was eigentlich unerklärlich war, weil in Manhattan jedes grüne Fleckchen sofort von Leuten überlaufen wurde. Doch die Einzigen, denen er sonst noch hier begegnete, waren Ned und Sally. Neds Wohnhaus und seine Wohnung lagen direkt gegenüber, und wenn Saul auf seiner Bank gelegentlich aufblickte, konnte er Ned winken sehen. Alle drei wenn er den Stadtstreicher dazuzählte, alle vier nutzten diesen Park manchmal als Treffpunkt.
Der Stadtstreicher hatte wenig zu sagen, was er sagte, klang jedoch überzeugend: »Ich bin Stadtstreicher, nicht einer von diesen Obdachlosen.« Er schien fast stolz darauf, das Kind beim Namen zu nennen. Ebenfalls stolz schien er auf die Tatsache, einer aussterbenden Art anzugehören und nicht dieser neumodischen Gattung. Normalerweise sagte der Stadtstreicher aber gar nichts, sondern nickte Saul bloß dankend zu. Mit seinem Schwanz redete der Hund mehr als sein Besitzer mit dem Mund.
Wenn alle drei da waren also Saul, Ned und Sally , kam der Stadtstreicher ein wenig näher und hörte zu, sagte aber nie etwas, mischte sich nie ein. Er wahrte sozusagen »respektvollen Abstand«, hielt den Kopf gesenkt und knetete ein Stück Seil zwischen den Händen, während er dem Gespräch lauschte. Der Hund lauschte ebenfalls. Er lag da, den Kopf auf die Pfoten gelegt, und beobachtete genau, ob sie etwas über ihn sagten. Wenigstens stellte Saul sich das bei dem Hund gern vor.
Er blieb auf einem der Kieswege stehen, die den Park im Zickzack durchliefen, und legte die Hand an die Rinde einer Eiche. Bisweilen verspürte er das Bedürfnis, winzige Initialen in die Stämme zu ritzen. Es war ihm selbst ein Rätsel. Und so gab es überall in Chelsea winzige SPs. Er ging um den Baumstamm herum und suchte ihn nach anderen Initialen ab, denn er wollte der Eiche nicht zu schweren Schaden zufügen.
Jedes Jahr ließ er dem Parkaufsichtsamt eine anonyme Spende von zwei- bis dreitausend Dollar zukommen, als Wiedergutmachung für die Bäume. Er hoffte, die Bäume hielten es aus. Wenn sie die Konstitution von Schriftstellern hätten, dann taten sie das.
Und es war ja schließlich nicht so, dass Saul sie schlecht rezensierte.