"Mordenheim" stellt die Ravenloft-Adaption des Klassikers "Frankenstein oder Der moderne Prometheus" von Mary Shelley dar. Dieses Remake-Prinzip, das vielen Romanen der Ravenloft-Serie zugrundeliegt, versagt jedoch hier: Der Autor Chat Williamson orientiert sich zu sehr am literarischen Original - es erinnert an eine Kopie: ein Wissenschaftler kommt durch seine negativen Erfahrungen zu der Erkenntnis, daß der Tod kein Teil des Lebens ist. Zum Beweis erschafft er aus totem Gewebe ein Monster. Diese Tat führt schließlich zum Untergang seiner gesamten Familie.
Die moralische Aussage, die "Frankenstein" verkörpert, nämlich, daß die Erschaffung von Leben ein frevelhafter Eingriff in die Schöpfung bedeutet, kommt hier jedoch nicht zum Vorschein. Stattdessen stellt sich eine Symbiose zwischen Erschaffer und erschaffener Kreatur ein - beide leben in ewigem Leid weiter: sie werden beide einsam bleiben und jeder von Mordenheims Versuchen Elise wiederzuerwecken wird von Adam sabotiert werden.
Dieses Thema wird vom Autor mit einer Rahmenhandlung kombiniert: zwei junge Nekromanten machen die Bekanntschaft Mordenheims und werden unabsichtlich Opfer der Fehde zwischen seinem Monster und ihm. Dadurch wird die gesamte Szenerie schrittweise auf eine interessante Art und Weise beleuchtet. Es mangelt jedoch an den beiden Handlungen selbst: statt einem einzigen komplexen, interessanten Handlungsstrang, zeichnen sich zwei simple, vorhersagbare Plots ab. Darüberhinaus scheint Chat Williamson eine Vorliebe für Rückblicke zu haben, da diese beinahe die Hälfte des Buches ausmachen. Die Beschreibung der Erschaffung des Monsters aus zwei verschiedenen Perspektiven bringt dem Leser den genauen Sachverhalt zwar näher, senkt jedoch gleichzeitig dessen Spannung.
Doch eines muß man dem Autor anrechnen: Williamson versteht es eine Stimmung aufzubauen, die das Gothic/Fantasy/Horror-Thema, durch das sich Ravenloft definiert, genau trifft. Dies erfolgt beispielsweise durch deutsche Namen (z.B. Herman von Schreck), Szenerien auf Friedhöfen, ein unheimliches Schloss am Meer und ein buckliger Diener. Desweiteren beschreibt der Autor alle Charaktere auf ausgezeichnete Art und Weise. Ihre Handlungen sind nachvollziehbar und insbesondere die glaubhafte Beschreibung rechtschaffener Nekromanten ist bemerkenswert. Einzig und allein die Tatsache, daß Mordenheim nicht an Magie glaubt und dauernd alles auf wahnwitzige Art und Weise wissenschaftlich interpretiert, ist, gerade in einer Fantasy-Welt, unrealistisch und nervtötend.
Alles in allem ist "Mordenheim" nur für diejenigen Leser wirklich interssant, die nicht mit dem literarischen Original vertraut sind.