"Morddeutung" ist ein Kriminalroman, bei dem der (fiktive) Mordfall mit dem (historischen) Aufenthalt Sigmund Freuds in den USA verknüpft ist. Ein (fiktiver) amerikanischer Gefolgsmann Freuds wird als Psychoanalytiker hinzugezogen, um die Überlebende eines Mordanschlags unter Freuds Anleitung zu therapieren - doch die junge Nora ist alles andere als ein naives, unschuldiges Mädchen...
Für Freudianer ist "Morddeutung" ein Fest - jedes Versatzstück ist an Bord, selbst wenn es chronologisch nicht passt (wie etwa die Gegenübertragung, die Freud zu jener Zeit noch nicht verstand); schon der Romantitel ist eine Adaption von Freuds epochalem Werk, "Die Traumdeutung". Nora ist der Dora nachempfungen, der Patientin aus Freuds berühmtester und kontroversester Fallstudie ("Bruchstück einer Hysterie-Analyse"). Dabei bekommen die Versatzstücke auch ein Eigenleben; Nora zum Beispiel lässt ihre Dora-Rolle hinter sich und entpuppt sich als gewieft und mit allen Wassern gewaschen. Ein Fest ist die Rivalität der Freud-Eleven Ferenczi und Jung, und dass Jung als quasi-dement geschildert wird, lässt jedem eingefleischten Freudianer das Herz höher schlagen ;-)
Doch trotz der vielen intertextuellen Freud-Referenzen weist der Roman zahlreiche Schwächen auf. Mich hat schon die Hauptmotivation für den Roman nicht überzeugt; ohne einen nachvollziehbaren Grund kam Freud durch seinen USA-Besuch zum Schluss, dass die USA ein verdorbenes und unrettbar verlorenes Land seien - man vermutet eine nicht überlieferte, traumatische Erfahrung Freuds in den USA. Jed Rubenfeld möchte hierfür in seinem Roman eine Erklärung liefern; meines Erachtens scheitert er darin, denn nichts an der Handlung ist traumatisch für den im ganzen Buch stets als ausgeglichen geschilderten Freud.
Die Kriminalhandlung selbst ist überkonstruiert, da sie sowohl die Dora-Konstellation sowie eine radikale Gegen-den-Strich-Interpretation derselben integrieren muss. Dass am Ende seitenweise die Protagonisten dem Leser erklären müssen, weshalb was wie passiert ist, zeigt schon, dass die Konstruktion des Krimis nicht geglückt ist. Das dämliche Liebes-Happy-End passt dazu wie die Faust aufs Auge.
Und in der Tat, der Autor, ein Jurist, beherrscht sein neues Handwerk noch nicht so ganz: Die Wechsel in der Erzählperspektive nerven - Ich-Erzählung wechselt mit dritter Person, und das zeugt nicht vom Können des Autors. Seine Figuren sind auch nur teilweise rund; beim Charakter des Coroner lügt der Autor den Leser erst mal ganz ordentlich an (mehr soll hier nicht verraten werden), und das sollte einem guten Autor nicht passieren.
Dass dieser Roman so hoch gelobt wird, ist mir unverständlich - das kann nur mit den vielen gelehrten Freud-Referenzen zu tun haben, bei denen die Kritiker anscheinend vor Ehrfurcht erstarren. Eigentlich 2 Sterne, aber wegen der sehr guten Darstellung der dekadenten, neureichen High Society ist ein dritter Stern noch gerechtfertigt.
PS: Wer einen wirklich guten Krimi mit klugen psychoanalytischen Ansätzen in derselben Zeit in New York lesen will, der sollte lieber zu dem düsteren und doch brillanten Roman "Die Einkreisung" von Caleb Carr greifen.