(Vorsicht, Spoiler!)
Mit diesem Aphorismus faßt der arrivierte Schauspieler Sir John (Herbert Marshall), der aus Gewissensbissen zum Detektiv gewordene Held in Hitchcocks drittem Tonfilm "Murder!" (1930) sein Verständnis von der Rolle der Kunst zusammen, doch weiß ich nicht, ob er damit auch dem Regisseur aus der Seele spricht, der nach eigenem Bekunden in seinen Filmen ja eher ein Stück Kuchen als ein Stück Leben sah.
Immerhin hatte die Kunst des Filmes seit einiger Zeit mit dem Ton nun eine Möglichkeit mehr, das zu tun, was immer sie tun wollte, und Hitchcock nutzte diese neue Möglichkeit denn auch weidlich aus, um aus einer eigentlich ziemlich hanebüchenen, oder zumindest wenig originellen Geschichte einen Film zu machen, der zwar durchaus Längen hat, sich jedoch wohl mit einigen Szenen und Einfällen einen dauerhaften Platz im Gedächtnis des Zuschauers sichern wird. Erzählt ist diese Geschichte leicht in einem Satz: Dem zum Geschworenen einer Jury in einem Mordfall berufenen Sir John kommen im nachhinein Zweifel und Gewissensbisse, weil er sich dem Gruppendruck gebeugt und die Angeklagte für schuldig befunden hat, und mit der Hilfe eines Schauspielerpaares - der Mord fand im Theatermilieu statt - gelingt es ihm, den wahren Schuldigen herauszufinden und die Unschuld der vermeintlichen Mörderin zu erweisen.
Gleich am Anfang des Filmes merkt man, mit welcher Experimentierfreude Hitchcock die neuen Möglichkeiten des Tonfilms - immerhin war er es, der mit "Blackmail" ein Jahr zuvor den ersten englischen Tonfilm gedreht hat - auslotet. Während wir nur den Schrei einer Frau und lautes Klopfen hören, fährt die Kamera an den Fenstern einiger Häuser vorüber und läßt uns die Reaktionen der in ihrer nächtlichen Ruhe gestörten Einwohner - schon im dritten Tonfilm Hitchcocks beschwert sich eine Frau gleich am Anfang über den Radau! - wahrnehmen. Am dritten Fenster - es ist durch eine Gardine verdeckt, hinter der Licht brennt - sehen wir die Silhouette einer Frau, scheinbar in angstvoller Erwartung an den rechten Fensterrand gedrückt, doch dann zieht sie die Gardine weg und schaut gleichfalls neugierig nach draußen. Es ist eben nichts so wie es scheint in diesem Film.
Die wohl am meisten beachtete Neuerung des Filmes - der innere Monolog, den Sir John beim Rasieren vor dem Spiegel führt und der von der Ouvertüre zu "Tristan und Isolde" begleitet wird - wurde von Hitch selbst im Interview mit Truffaut abgetan als eine der ältesten Theaterideen der Welt. Doch dann erzählt der Regisseur ganz bereitwillig von den Vorbereitungen, deren es bedurfte, um diese Szene überhaupt drehen zu können. Da man damals noch nicht nachträglich den Ton in den Film einfügen konnte, rasierte sich Marshall zu seinem vorher auf Band gesprochenen inneren Monolog, den er mit minimaler Mimik begleitete, während hinter den Kulissen ein dreißigköpfiges Orchester die Musik einspielte. Man achte nur einmal darauf, wie überzeugend die Worte des Monologs dem Gang der Musik angepaßt worden sind, um diese Puzzlearbeit angemessen zu würdigen. In "Blackmail" übrigens brachte Hitchcock noch ein ganz anderes Kunststück fertig, nämlich die Hauptdarstellerin Anny Ondra, deren tschechischer Akzent nicht ganz zu der von ihr gespielten Rolle gepaßt hätte, ihre Szenen stumm, mit entsprechenden Lippenbewegungen, spielen zu lassen, während eine andere Schauspielerin hinter den Kulissen den Text sprach.
Trotz des Mordfalls, den Sir John etwas übertrieben als "shocker" bezeichnet, ist "Murder!" über manche Strecke hin ein recht gemächlicher Film mit einigen Redundanzen, doch fällt dies seltsamerweise nicht sehr negativ ins Gewicht, da die betreffenden Szenen oftmals die Charaktere weiterentwickeln. Man mag sich beispielsweise fragen, warum die Beratungen der Geschworenen so ausführlich gezeigt werden, doch ist gerade diese Passage eine satirische Glanzleistung. Da haben wir die Dame aus der Oberklasse, die gleich anfangs darauf hinweist, daß die Angeklagte aus einer guten Familie komme, und sich später mit sichtbarer Selbstzufriedenheit in psychologischen Theorien ergeht, aus denen ihrer Meinung nach die Schuldunfähigkeit der jungen Schauspielerin resultiere. Achten Sie während dieser Ausführungen nur einmal auf das nur mühsam unterdrückte neidgetriebene Übelwollen der offensichtlich aus kleinbürgerlichen Verhältnissen kommenden Nachbarin unserer Hobbypsychologin. Fast alptraumhaft-surrealistische Züge nehmen dann die Szenen an, in denen die Geschworenen Sir John mit psychischem Druck erfolgreich dazu bringen, sich ihrem Schuldspruch anzuschließen. Diese und weitere Szenen aus dem Geschworenenraum zeigen recht deutlich das Mißtrauen und die Skepsis, die Hitchcock dem Rechtssystem und der Strafverfolgung entgegenbringt. Hier also wird die Kunst eindeutig zur Kritik am Leben benutzt.
Auch eine andere Szene, die nicht wirklich zur Handlung beiträgt, wohl aber zur Charakterisierung Sir Johns, verrät Hitchs zwiespältiges Verhältnis zur Polizei, nämlich die, in der Mrs. Gogram (niemand anders als die Quasselstrippe Una O'Connor) ihren kleinen Kindern, die munter Sir Johns Koffer zerlegen wollen, mit der Polizei droht. Hier fühlt man sich an die (echte oder nur guterfundene?) Kindheitserinnerung des Regisseurs erinnert, nach der ihn sein Vater auf die Polizeiwache geschickt habe, wo er fünf Minuten in einer Zelle festgehalten worden und mit den Worten entlassen worden sei "That's what happens to bad boys." Die Drohung Mrs. Gograms scheint außerdem eine bewußte Vorausdeutung auf die Szene im Frauengefängnis zu sein, die in ihrer melodramatischen Bedrohlichkeit fast schon an einen Dickensroman gemahnt.
Es sind Exkurse wie diese, die "Murder!" zu einem stellenweise surrealistischen Film machen, der anscheinend den Eindruck erwecken will, man könne eben nicht immer zwischen "life" und "art" unterscheiden. Was hat beispielsweise die sehr merkwürdige, nicht weiter aufgelöste Szene zu bedeuten, in der Mr. Markham (Edward Chapman) über einen Teppich in Sir Johns Haus schreitet, unter dem offensichtlich irgend etwas versteckt ist? Ein rätselhaftes Detail, das sich mir immer noch nicht erschließt. Mehr Traum als nüchterne Realität ist auch die Szene, in der sich der Mörder bei einem Akrobatikakt im Zirkus schließlich selbst richtet. Kameraführung, Schnitt und die sich gebetsmühlenartig wiederholende Zirkusmusik machen diese Stelle des Filmes zu einem Meisterstück in Sachen Alptraum. Und am Ende schält sich einmal mehr der Hinweis auf die Ununterscheidbarkeit zwischen Wirklichkeit und Fiktion heraus, wenn angedeutet wird, wir, die Zuschauer, könnten die ganze Zeit nur das Publikum eines Stücks gewesen sein. Eines Stücks, dessen Melodramatik ganz offensichtlich durch das theatralische Auftreten mancher Schauspieler die ganze Zeit über nahegelegt worden ist.*
Da macht es dann auch gar nichts, daß sowohl die Durchführung des Mordes als auch Motiv und Verhalten des Mörders keineswegs glaubwürdig wirken.** Was in "Murder!" wirklich zählt, sind die vielen kleinen Episoden, mal satirisch, mal kitschig-theatralisch, mal liebenswürdig-ironisch, und vor allem das phantastische Ende.
Einer der packendsten frühen Filme Hitchcocks!
* Wobei ich zumindest Norah Baring in ihrer Rolle als unschuldig Angeklagte nicht abnehme, daß sie mit Absicht diese Rotkäppchen-und-Dornröschen-in-Einem-hafte Unschulds-und-Leidensmelodramatik an den Tag legte, sondern in ihrem Fall glaube, daß sie es einfach nicht besser konnte.
** Der Mörder bringt sein Opfer um, weil er nicht will, daß es der von ihm geliebten Schauspielerin die Wahrheit über seine sexuellen Neigungen enthüllt. Im OT wird zwar von einem "half-breed" gesprochen, doch handelt es sich hier ganz offensichtlich um eine den Zensurbestimmungen geschuldete Umschreibung des homosexuellen Hintergrunds. Unglaubwürdig ist aber, daß der Mörder anscheinend willens ist, die Frau, die er liebt(e), für sein Verbrechen büßen zu lassen.