Man kann nicht behaupten, dass Colonel Protheroes Ableben im beschaulichen St. Mary Mead heftig betrauert wird -- "aufgeblasenes altes Ekel" gehört noch zu den liebenswürdigeren Bezeichnungen seiner Person, und als Leser muss man den Dorfbewohnern rechtgeben: Protheroe war wirklich ein aufgeblasenes altes Ekel.
Aber ermordet ist er worden, und ein Mord muss schließlich aufgeklärt werden. Seine Leiche findet ausgerechnet der Dorfpfarrer in seinem Arbeitszimmer, und obwohl sich schon am selben Abend ein Verdächtiger bei der Polizei stellt, ist der Fall nicht so leicht zu klären, wie es im ersten Moment scheint. Zu viele Ungereimtheiten gibt es auseinanderzufieseln, und zu viele Verdächtige haben ein Motiv, und überhaupt geschahen in den letzten Wochen zu viele eigenartige Dinge im Dorf. Wäre da nicht die liebenswürdige alte Miss Marple, der nichts entgeht und deren Hirn stets auf Hochtouren arbeitet -- wer weiß, ob der durchtriebene Mörder am Ende nicht davongekommen wäre.
Aber Miss Marple hat gegenüber den ermittelnden Polizisten einen großen Vorteil: Sie verfügt über ein gerüttelt Maß Menschenkenntnis; oder, wie sie es selber entwaffnend formuliert: "Ich fürchte, es gibt viel Schlechtigkeit in der Welt. Ein netter, ehrbarer, aufrechter Soldat wie Sie weiß über diese Dinge nicht Bescheid, Colonel Melchett." Man wundert sich zusammen mit dem gerade anwesenden Pfarrer, dass da den ehrbaren Melchett nicht der Schlag trifft...
Mit "Mord im Pfarrhaus" (im Original "Murder at the Vicarage") beginnt Miss Marples Wirken im Dienste der Gerechtigkeit: Eine liebenswürdige ältere Dame, der nichts entgeht und die die Menschen kennt, wühlt sich mit altmodischem Charme durch die Abgründe der Menschheit. Sie hat nicht das penetrante Selbstbewusstsein eines Monsieur Poirot, sondern sie ist durch und durch britisch -- nicht blasiert britisch, sondern zurückhaltend und sozusagen ländlich britisch, mit einem stets latent verborgenen Humor.
Wer Miss Marple "nur" von den herrlichen Verfilmungen mit Margaret Rutherford kennt, wird sich zunächst etwas wundern: Im Buch ist Miss Marple nicht so resolut, wirkt eher zerbrechlich. Aber man sollte sie nicht unterschätzen!
Dass sie in ihrem ersten Fall in ihrem eigenen Dorf ermittelt, verleiht der Sache zusätzlichen Reiz: Agatha Christie ist sicher keine brillante Stilistin, aber in der diskreten Vermittlung von Lokalkolorit ist sie kaum zu schlagen. Und sobald sie alte Damen auftreten lässt, kann man sich ohnehin auf etwas gefasst machen -- so auch hier...
Dass Christie beim Verfassen von "Mord im Pfarrhaus" noch nicht daran dachte, Miss Marple als gewitzte "Konkurrentin" von Poirot beizubehalten, ist im Nachhinein erstaunlich -- die Figur ist bereits in ihrem ersten Krimi vollständig entwickelt, mit allen Fähigkeiten, die wir so an ihr lieben...