Hitchcock hatte - noch ziemlich zu Beginn seiner US-Karriere - einen B-Film gemacht, nach den großen Gefühlen in "Rebecca" einen etwas kleineren Thriller mit etwas weniger starträchtigen Darstellern. Aber auch das kann er, wenngleich der Film - das kostet ihn einen Stern - ein recht schwaches erstes Drittel hat, in dem die üblichen Hitch-Verdächtigen in eher negativem Sinne so richtig schön durchkommen: Nach dem eigentlich originellen Statement, nur ein unverbrauchter bodenständiger Ami sei überhaupt geeignet, in den Vorkriegswirren noch den Durchblick durch Lug und Trug und Codierungen der Diplomatie zu haben, kommen der von Joel McCrea gespielte Auslandskorrespondent und der Film ganz schön ins Schlingern. Ein Mann in der Fremde, der eine wie das andere mit Klischees nur so gespickt, und es fällt auch in anderen Hitchcocks unangenehm auf: Der Regisseur, der die halbe Welt im Film wie im Leben bereist hat, interessierte sich recht wenig für Länder & Leute, seine Helden in der Fremde sind dappige Elefanten in Porzellanläden bzw. ist es hier ein Reporter, dem man einen klasse Bericht über ein Baseballspiel zutraut, aber auch nicht ansatzweise, einen Fuß auf die Bühne der Weltpolitik zu setzen, ohne auf dem diplomatischen Parkett lang hinzuschlagen. Vielleicht sollte es ja gerade so sein, aber auch die Geschichte, in die McCrea da reinschlittert, ist mal wieder - das gibt's bei Hitch öfter - gelinde gesagt nicht gerade ein Zeugnis von Glaubwürdigkeit, Realitätsnähe und Interesse an der politischen Lage.
Nun denn, eine zwielichtige Spionageorganisation denkt sich einen wilden Plan aus, um einen Mann zu kidnappen und auszuquetschen, der einen Geheimartikel eines Abkommens zweier Staaten kennt (völkerrechtlich völliger Blödsinn), dessen Bekanntgabe einer Seite im bevorstehenden Krieg enorm nützen könnte. Das ist - Hitch-Kenner ahnen es - ein McGuffin, also ein Element, das nie aufgeklärt wird, aber die Personen und die Handlung antreibt. Nach einem Mord, der dem Begriff "Fotos schießen" eine völlig neue Bedeutung verleiht, zitiert Hitch Hollandklischees in einer selbst für damalige Verhältnisse schauerlichen Studiolandschaft mit einer (ach nee!) Windmühle, deren Flügel sich gegen den Wind drehen. Auffälliger (es sind drei, vier weitere Mühlen in unmittelbarer Nähe) geht es nicht. Wenn von solchen Typen der Weltfrieden bedroht ist, gehe ich beruhigt schlafen. Immerhin hat der Film nach einem etwas langsamen Auftakt mittlerweile bedeutend an Tempo gewonnen, und nach der enttäuschenden Holland-Episode wandert er nach London, und hier wird er auch gleich besser, hier war Hitch eben zu Hause. Es ist ja nicht so, dass die besseren Hitchs sonderlich realitätsnahe Krimiplots hätten, sondern dass er so elegant vom Hanebüchenen ablenken kann, weil das alles entweder nur als Projektionsfläche für hochinteressante psychologische Beobachtungen dient, oder weil es schlicht flott, hochspannend und originell gefilmt ist.
Letzteres zeichnet nun die in etwa letzten beiden Drittel des Filmes aus, und in der Actionszene am Ende ist der Mann der ansonsten eher mauen Rückprojektionen sogar mal technisch so richtig gut drauf gewesen. Für Anfang der 40er haben wir einen packend gefilmten Flugzeugabsturz in den Ozean mit recht beeindruckenden Kombinationen von Rückprojektionen und Wassertanks, und der große Kameramann Rudolph Maté hat einige wirklich beeindruckende Übergänge hingezaubert, so den Crash mit Blick aus dem Cockpit ohne sichtbaren Schnitt und eine elegante Kamerafahrt von außen auf das noch in den Lüften schwebende Flugzeug und in den Passagierraum hinein, die so nicht echt und ungeschnitten sein kann, aber die Illusion beeindruckend erzeugt.
Der Film ist also in dieser Phase gute, spannende Unterhaltung - und gelegentlich auch noch mehr, wenngleich er eher an den Rändern glänzt, anstatt so ganz aus einem Guß zu sein. So ist das Heldenpärchen schauspielerisch okay, aber blass gegenüber den wirklich tollen Nebendarstellern. Herbert Marshall ist eine überzeugende Verkörperung von Hitchs Prinzip, dass die eleganten Schurken mit der Tarnung des Establishments die besseren Bösen sind. George Sanders, sonst eher selbst Schurke oder zumindest Zyniker, darf seine leicht verschlagene Bauernschläue diesmal einsetzen als der einzige Mann, der dem ganzen Mimikry von Anfang an nicht auf den Leim geht - doch der zur Aufdeckung der Wahrheit auch zweifelhafte Methoden anzuwenden bereit ist. Edmund Gwenn ist ein zwielichtiger Killer in der Maske des etwas skurrilen Biedermannes. Albert Bassermann ist das ältliche Entführungsopfer und zum Glück bei weitem nicht so kauzig wie diese ganzen kauzigen Alten in Hitchs Werk (Ulrich von Berg hatte den Professor Lindt aus "Torn Curtain" nicht ganz zu Unrecht als Opa Hoppenstedt bezeichnet). Und wenn er mal seltsam ist, hat der Plot wenigstens eine Erklärung dafür. Stilistisch ist es wie schauspielerisch: Nicht der ganze Film ist von Hitch durchdrungen, aber man kann doch hier und da und dort diverse Hitchcockismen ausmachen, kleine Gags und Markenzeichen und Inszenierungst(r)icks finden, die wohldurchdacht eingesetzt sind, zum Beispiel: Vögel (!!!) sind mal wieder als Symbol eingesetzt (diesmal allerdings nur im Dialog und als Friedenssymbol), ein Sturz von einem hohen Gebäude muss vorkommen, es ist ausgerechnet ein Kirchturm, schon zuvor hörte man die Nonnen eine Totenmesse beten, und als ein Mann heruntergefallen ist, bekreuzigen sie sich erstmal, als sei das "auch nur'n Job". Ich musste dabei unweigerlich an den Schluss von "Vertigo" denken. Geschickt nutzt Hitch aus dem Bereich Tiersymbolik diesmal auch einen gefährlichen Hund, der zwar niemanden angreift, aber immer auffällig ins Bild gesetzt wird, wenn von Marshall eine Bedrohung ausgeht oder aber er nur uns Zuschauern seine Bedrohlichkeit offenbart. Das geht so weit, dass man in einer Szene sogar nur ein Ölbild von ihm und seinem Hund im Hintergrund sieht, als ein Schachzug von Sanders nicht geklappt und Marshall die Oberhand bekommen hat.
Von solchen Regieeinfällen hat der Film gar viele, er lebt davon, und zwar nicht schlecht. Auch zieht einen die Geschichte schließlich doch in einen beunruhigenden Sog und man hat das Gefühl, einen guten Film gesehen zu haben. An die ganz großen Hitchcocks kommt er freilich nicht heran.
Die DVD hat ein nicht immer ganz feinkörniges, aber doch anständiges Bild, guten Ton, vermutlich eine deutsche Tonspur mit geänderter Musik (trage ich mal nach, wenn ich ihn nochmal auf Englisch gesehen habe) und ein paar Trailer als Extras.