| ||||||||||||||||||||||||
Produktinformation
|
Doch das Warten hat sich gelohnt. Im Herbst 1995 erschien, nunmehr im S. Fischer Verlag, Morbus Kitahara. Und schon die ersten Zeilen zeigen, daß der 1954 im oberösterreichischen Wels geborene Autor nach wie vor einer der sprachmächtigsten Schriftsteller seiner Generation ist. Alleine durch den rhythmischen Sprachduktus wird man schon nach wenigen Seiten in den Bann des Buches gezogen. Doch auch inhaltlich ist Ransmayr ein großer literarischer Wurf gelungen, denn er erschafft einen sehr düsteren, fremden, fiktionalen Kosmos und erlaubt es dem Leser/der Leserin dennoch, die Handlung mit dem Wissen um die jüngste Vergangenheit in Beziehung zu setzen.
Der überwiegende Teil des Romans spielt in Moor, einem abgelegenen Dorf im Gebirge, am Rande eines großen Sees. In ihm wird gegen Ende eines großen europäischen Krieges Bering, einer der drei Hauptfiguren des Romans, während einer Bombennacht geboren. Der "Friede von Oranienburg" beendet zwar diesen Krieg und die Brutalitäten der Unterlegenen, ist aber verbunden mit dem Umerziehungsplan Stellamours. Letzterer sieht die völlige Deindustrialisierung des Landes vor. Schon bald werden Schienen, Fabriken und Elektrizitätswerke demontiert, und Moor versinkt in einer vorindustriellen Dunkelheit. Die Einwohner von Moor und Umgebung werden von den Besatzern im Rahmen der Umerziehungsmaßnahmen regelmäßig gezwungen, jene grausamen Szenen nachzuspielen, die sich während der Kriegsjahre in einem als KZ geführten Steinbruch abspielten.
Als junger Mann lernt der "Vogelmensch" Bering, der außer an Vögeln auch leidenschaftlich an Maschinen interessierte Schmied von Moor, den "Hundekönig" Ambras kennen, einen ehemaligen Häftling des Steinbruchs und dessen derzeitiger Verwalter. Bering repariert nach einem Unfall den Wagen Ambras', die einzige Limousine in weitem Umkreis, und erschafft in wochenlanger Arbeit ein Kunstwerk, ein Fahrzeug in Vogelform. Er greift hierfür auf seinen Eisengarten zurück, der sein Haus umwuchert und die benötigten Ersatzteile abwirft. Danach verläßt er die gehaßte Schmiede und wird Fahrer und Leibwächter des "Hundekönigs". Schon bald bemerkt Bering, daß sein Blickfeld trüber und trüber wird, sich mehr und mehr verfinstert. Seine Augenkrankheit trägt den klingenden Namen Morbus Kitahara.
Auch Lily, die "Brasilianerin" genannt, ist ein außergewöhnlicher Mensch. Alleine in einem Strandturm lebend, begibt sie sich immer wieder auf Schleichwegen durch das Gebirge, um durch einen regen Tauschhandel Moor mit begehrten Gütern zu versorgen. Ihr lebenslang gehegter Traum, eine Reise nach Brasilien, erfüllt sich schließlich als die Besatzungsmacht beschließt, die Gegend um Moor zu evakuieren, um aus ihr einen riesigen Truppenübungsplatz zu machen. Lily begibt sich mit Ambras und Bering auf die weite Reise.
Doch diese Inhaltsangabe ist für den Roman Ransmayrs eigentlich eine sehr unbefriedigende Form der Annäherung, weil sie die zentrale sprachliche Dimension des Werkes vernachlässigt. Die Art der Schilderung dieser düsteren Gegend, des Eisengartens und der vermodernden Maschinen, der gefährlichen Gänge durch das Gebirge ("das Steinmeer") und der dort lebenden brutalen Räuberbanden läßt vor dem geistigen Auge des Lesers/der Leserin eine ganz einzigartige Welt entstehen. Trotzdem (oder vielleicht gerade deswegen) ist es auch ein politischer Roman, etwa wenn Ambras seine grausamen Erlebnisse im Steinbruch schildert oder wie es dazu kam, daß er als "Rassenschänder" dort inhaftiert wurde. Und gerade diese außergewöhnliche Kombination von Poesie und Politik ist eine der herausragenden Qualitäten des Romans. Denn so wird wieder einmal deutlich, daß gerade ein literarisch sehr ambitioniertes Werk nicht gezwungen ist, auf eine politische Ebene zu verzichten. Auch das ist ein Signal für die oft Nabelschau betreibende deutschsprachige Gegenwartsliteratur der letzten Jahre. Christian Köllerer -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
Tags, die Kunden mit diesem Produkt verbinden(Was ist das?)Klicken Sie zum Suchen verwandter Artikel, Diskussionen oder Personen auf ein Tag.
|
Denn diese ist schwer zu beschreiben, man muss sie "gekostet" haben. Worte wie "düster" oder "künstlerisch verschroben" erklären sie nur unvollständig. Als halbwegs treffende Metapher erscheint mir vielleicht noch "rostig", auch wenn das dem Ransmayr-Neuling nicht viel sagen dürfte. Aber es stimmt - hier atmet jede Zeile Verwesung, Verderben, Niedergang, Korrosion, Dunkelheit. Nicht die Fabel beeindruckt den Leser, sondern die eigenartig-neuartigen Wortkombinationen, die eigenwilligen Satzkonstruktionen und aus dem Rahmen fallenden Umschreibungen.
Ransmayr versteht es ausgezeichnet, aus dem zur Verfügung stehenden sprachlichen Material genau das herauszuholen, was für seine Zwecke am besten geeignet erscheint. Und das macht das Buch zu einem unverwechselbaren Ganzen, zu einer vollkommen scheinenden Einheit und zu einem Werk, wie ich es weder vorher noch nachher noch einmal gelesen habe. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
|
Das Forum zu diesem Produkt
Fragen stellen, Meinungen austauschen, Einblicke gewinnen Aktive Diskussionen in ähnlichen Foren
Kundendiskussionen durchsuchen
|
Ähnliche Foren
|
||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|
|