Die Inspiration für Neimans Buch war ihre Fassungslosigkeit über die Wiederwahl George W. Bushs im Jahr 2004. Was an ihm vermochte die amerikanischen Wähler zu begeistern? Neiman nimmt an, dass es die klare Wertorientierung war, die Konservative vor sich hertragen - sie bietet Identifikationsmöglichkeiten, einen Grund zum Stolz, lohnende Ziele. Für Linke und Liberale dagegen ist die Rede über Werte bestenfalls ein Widerschein der materiellen Verhältnisse, schlimmstenfalls eine Verschleierung realer Macht- und Unterdrückungsstrukturen.
Neiman teilt diese Ernüchterung über Werte nicht. Oft genug sind es Werte und Idealismus, die ihrer Meinung nach Menschen motivieren, und sie bedauert, dass die Linke hier nichts zu bieten hat. Also versucht sie, die Werte der Aufklärung für die Linke zurückzugewinnen. Als Grundlage dafür skizziert sie zuerst konservative und progressive Perspektiven auf Werte - und findet sie beide unzureichend. Sie begründet, warum sie Werte für einen mächtigen Treiber politischen Handelns hält, und führt dafür Beispiele von Menschen ins Feld, die auch im Angesicht des Todes ihre Überzeugungen von Richtig und Falsch hochhielten. Im zweiten Teil des Buches verteidigt sie die Aufklärung als mögliche Quelle von Werten und untersucht die Bedeutung ausgewählter aufklärerischer Werte. Neben der obligatorischen Vernunft fallen darunter auch weniger ausgetretene Beispiele, wie Glück, Ehrfurcht und Hoffnung. Den dritten Teil widmet sie einer Diskussion des "Heldentums": Von Odysseus bis zum israelischen Friedensaktivisten David Shulman illustriert sie anhand von Lebensgeschichten, was es bedeuten kann, Werte in die politische Praxis umzusetzen.
Man muss ihre politische Einstellung nicht teilen, um ihre Verteidigung der Werte unterschreiben zu können. Aber es ist sicherlich hilfreich, denn das Buch ist gespickt mit Seitenhieben auf die Bush-Regierung. Wem das aus dem Herzen spricht (oder wer bereit ist, darüber hinwegzusehen), wird die Lektüre genießen. Das Buch ist eine fulminante Verteidigung, wenn nicht gar Wiederentdeckung der so oft tot gesagten Aufklärung. Kenntnisreich begegnet sie der postmodernen Attacke, die Aufklärung sei der philosophische Boden für Naturausbeutung, Rassismus, Sexismus oder Kolonialismus - oder einfach eine kontextlose, blutleere Abstraktion. Überzeugend demonstriert sie, dass im Gegenteil Vernunft, Glück, Ehrfurcht und Hoffnung mächtige Quellen progressiver Politik sein können. Sie bewegt sich versiert in der Literatur der Aufklärung, ihre Beispiele sind lebendig und zeitgemäß, ihr Stil ebenso leidenschaftlich wie klug und amüsant.
Und doch gibt es neben einigen kleineren Störfaktoren eine große und bedauerliche Leerstelle in dem Buch. (Die Störfaktoren: Ein gelegentlich allzu assoziativer Stil, und ein manchmal unpräziser Umgang mit Sprache: so benutzt Neiman - in der Originalfassung - die Begriffe Idee (idea) und Ideal (ideal) austauschbar. Was freilich insgesamt dem Argument insgesamt nicht schadet; ihr ist es ohnehin um Ideale zu tun und nicht im weiteren Sinne um Ideen.)
Die bedauerliche Leerstelle betrifft die metaphysische Begründung ihrer Position. Neiman zeigt überzeugend, dass die Essenz aufklärerischen Denkens darin liegt, dass aus einem Sein kein Sollen folgt - also sind Sitte und Tradition, ist der empirische Zustand der Welt kein Argument dafür, wie sie sein "sollte". Diese Idee ist die Grundlage jeglicher progressiver Politik. Allerdings schweigt sich Neiman bedrückend konsequent darüber aus, was denn sonst die Grundlage eines "Sollens" bilden könnte. Was antworten wir jenen, für die ein politisches System nicht auf Vernunft (oder was wir dafür halten) begründet sein "sollte", nicht auf Gerechtigkeit und Chancengleichheit (die seltsamerweise in Neimans Werteauswahl nicht auftauchen, obwohl sie implizit oft zugegen sind), oder auf dem universellen Recht, nach Glück zu streben? Sondern beispielsweise auf religiösen Vorschriften, die die Unterdrückung der Frau, die Suspendierung der Meinungsfreiheit, den Angriff auf Kunst und Wissenschaft (einschließlich der Evolutionstheorie), ja, die Folter gegen "Ketzer" rechtfertigen? So beredt Neiman ist hinsichtlich des Sinns aufklärerischer Werte, ihrer Entwicklung in der Philosophie des 18. Jahrhunderts oder ihrer Anwendbarkeit in der Moderne, so schweigsam bleibt sie zu der Frage, *warum* man sich denn diese Werte zu eigen machen sollte und nicht irgendwelche anderen. Am Ende bleibt wenig mehr außer der Hoffnung, dass ihre Leidenschaft und ihr Witz, das Beispiel der "Helden" und die Intuition der (im 21. Jahrhundert lebenden, mit der Aufklärung sozialisierten) LeserInnen es richten werden. Ein diametraler Gegensatz zu ihrer These, dass Gewohnheit und Tradition, oder für "natürlich" gehaltene Emotionen eben *keine* Werte begründen.
Vielleicht ist es auch zu viel verlangt, von dem Buch die Lösung einer Frage zu verlangen, mit der sich Philosophen seit Jahrhunderten herumschlagen. Also vielleicht: einfach lesen, und sich von Neimans Klugheit und Leidenschaft begeistern lassen.