Das Buch ist ganz gut geschrieben, mit viel Sachkenntnis, gewiss. Doch es erscheint mir etwas langatmig. Wenn der Autor von der anthropologischen Verfasstheit der Moral schreibt, so meint er damit, dass die Moral sich in soziokulturellen Organisationsformen erst phylogenetisch und ontogenetisch zu entwickeln vermag und das Interesse am Anderen als bedeutsamen Andren als Bedingung der Entwicklung hat. Ist dieses Interesse erstmal entwickelt, lässt es sich einüben und praktizieren, d.h. vermittels intentionaler Handlungen realisieren.
Es stellt sich während der Lektüre also die Frage, worin wir uns bewegen (Realität) und wohin wir uns bewegen wollen (Idealität/Utopie). Um diese Fragestellungen zu präzisieren und zu erörtern, bieten sich - auf der einen Seite die historisch-genetische Rekonstruktion (z.B. Dux) - als Beitrag zum Verständnis des Zustandekommens der derzeigen amoralischen Strukturen der Marktgesellschaft - auf der anderen Seite die philosophisch-normative Projektion (z.B. Kant) - als Zielorientierung für das subjektive Verständnis des Zuhandelns in ebendieser Form der materialistisch strukturierten Gesellschaft, an.
Insofern nun ein Verfechter einer bestimmten Logik die andere zu ersetzen oder zu verwerfen sucht, um dem Leser zum "wahren" Verständnis der historisch gewordenen Realität zu verhelfen, ist ebendiese Logik - wenn nicht vom Inhalt, so doch vom Anspruch her - eine absolutistische, möge sie sich auch als prozessuale bezeichnen. Weil der Autor beabsichtigte, die beiden Begründungsstrukturen einander gegenüberzustellen (Omnia est evertenda), füge ich hinzu: Es scheint ein schwieriges Unterfangen zu sein, der transzendentallogischen Begründungsstruktur der Moral bar jeglicher empirischer Beimengung eine prozesslogische Begründungsstruktur bar jeglicher geistigen Grundlage bzw. Veranlagung entgegen zu setzen, und sei es nur, um der empirischen Methode wieder größere Zugkraft und Glaubwürdigkeit zu verleihen, indem sie von den in den meisten Diskursen über Moral immer noch herrschenden Absolutheitsansprüchen und Letztbegründungen des Logizismus (Kant, Hegel; Habermas, Apel) so deutlich wie nur irgend möglich abgegrenzt wird.
Das Buch ist in einem ähnlichen Stil wie diese Rezension gehalten. Wem dieser Stil zusagt, greife zu; wem er mißfällt, lasse die Finger davon.