Der Titel ist spannend - was folgt eher langweilig. Zum einen, weil der Autor inhaltlich wiederholt, was er schon in "Philosophie nach Auschwitz" dargestellt hatte. Langweilig aber auch aufgrund einer enervierenden Redundanz und eines (je nach Kapitel unterschiedlich intensiven) "Jargons der Eigentlichkeit" (um des Autors kaum erwähnten Antipoden Adorno zu zitieren). Theoretische Grundlage der Äußerungen Zimmermanns ist eine revidierte Totalitarismustheorie der 90er Jahre, aus der sich die offene Türen einrennende Hauptthese ergibt, dass sich aus bestimmten Menschheitsverbrechen eine historisch zu begründende universelle Moral der Menschenrechte abzuleiten habe. Man fragt sich - etwas verzweifelt: Ja, was denn sonst?
Diese These wird im folgenden historischen Hauptstück auf Holocaust, stalinistische Verbrechen, die Verbrechen an den Armeniern und auf den Abwurf der Atombomben angewandt. Dabei geht es m.E. sehr holzschnittartig zu. Zimmermann erkennt im Holocaust ein "inhumanes Anderssein"im "nazistischen Entwurf" (sic), ein sehr vereinfachendes Verfahren. Das Verunsichernde - und darauf weist Zimmermann im Unterschied zu seinem Referenzautor Welzer nicht hin - ist gerade die bei den Massenmördern zu findende Koexistenz (Identität?) von Vernichtungsmoral und bürgerlicher Privatmoral. Die Täter waren bei weitem nicht alle lupenreine NS-Ideologen, und nach dem Krieg konnten sie problemlos ohne Transformation ihrer "Moral", aber totalitarismustheroetisch und -praktisch weiterleben. Die Himmlers hingegen haben töten lassen, aber nicht selbst getötet. Und hier stellt sich in der Tat die Frage nach dem geellschaftlichen Verhältnis von Macht und Moral. Nur nicht für den Autor.
Zum Hauptstück gehört auch die Interpretation der stalinistschen Verbrechen. Vor allem hier werden die Grenzen der angewandten Totalitarismustheorie deutlich. Zimmermann setzt den von Stalin schulterzuckend hingenommenen und von Tausenden Aktivisten bewirkten millionenfachen Hungertot von Ukrainern mit dem Holocaust gleich ("Holodomor") - ein fragwürdiges Unterfangen, das zudem nur den politisch prononcierten Teil der Stalinismusforschung aufnimmt (Schwarzbuch, Furet, Beberowski) und zu sehr allgemeinen "Identitäten" von Kommunismus und Nazismus kommt ("Wille zur Macht", Teleologie der Erlösung, "neuer Mensch"). Gerade hier glaubt man sich in den Kalten Krieg zurückversetzt.
Das dritte historische Beispiel stellt für den Autor ein Problem dar: die Atombomben auf Hirohima und Nagasaki.Er löst diese Schwierigkeit, indem er dieses Verbrechen als "akzidentiell", und nicht "essentiell" (wie die Verbrechen von Nazismus und Kommunismus)darstellt. Truman sei "von einer universalistischen Integrationsmoral geprägt" (S. 82), so dass die Atombombenabwürfe als "Fehler" oder "Verletzungen" der universalistischen Moral zu sehen seien, eine Argumentation, die er dem nun wirklich universalistisch orientierten Marxismus nie zugestehen würde. En passant werden dann noch zwei "Linke" (Anders, Baumann) und ein "Rechter" (Heidegger) "widerlegt". Die Philosophie der Menschenrechte befindet sich halt in der Mitte.
Ich überspringe den "philosophischen" Hauptteil (Auseinandersetzung mit Nietzsche) wegen der oben erwähnten Redundanz und komme zur Schlussforgerung Zimmermanns:
Für Zimmermann sind die BRD und "das Deutsche Reich unter Hitler" nicht mehr vergleichbar (unklar formuliert: vergleichbar natürlich, aber nicht gleich, was aber kaum noch jemand behauptet). Trotzdem verbindet beide Staaten eine historische und moralische Verantwortung; Scham und Verantwortung sind nicht vergangen.
Das allerdings war mir auch schon vor der Lektüre dieses Buches bewusst und zwar clare et distincte.Positiv ist jedoch, dass Zimmermann mich anregte, wieder zur Negativen Dialektik Adornos zu greifen. Quelle différence!