Dieses Hörbuch beschreibt keine neue Moral. Es ist keine Einführung in die Ethik und keine Handlungsanweisung für alle Fälle des Lebens, so der Autor Rainer Erlinger im Vorwort. Stattdessen werden die überlieferten Moralvorstellungen hinterfragt, auf den Prüfstand gestellt und Überlegungen angestellt, was davon wie gut in unsere Zeit passt.
GRUNDSÄTZLICHES
1. Egoismus
'Das Recht, meine Faust zu schwingen, endet dort, wo die Nase des Nächsten anfängt.', so der US-Juristen Oliver Wendell Holmes junior. Moral beschränkt zwar die Freiheit, insgesamt macht sie aber das Leben besser. Eine Begrenzung ist nur dann notwendig, wenn der Egoismus zu weit geht.
2. Lüge
Es beginnt mit der Clinton-Lewinsky-Affäre und dem unsäglichen Sich-Herauswinden des früheren US-Präsidenten, geht weiter mit Augustinus und Immanuel Kant. Das strikte Lügen-Verbot des Augustinus kannte nur drei Ausweichmöglichkeiten: Nichts sagen, Doppeldeutigkeit oder geistigen Vorbehalt. Kant hingegeben betonte die Wahrhaftigkeit. Man habe die Pflicht, das zu sagen, was man für wahr hält. Eine Übereinstimmung zwischen Denken und Reden. Wobei derjenige, der wahrhaftig ist, durchaus auch irren kann. Wichtig ist nur, dass er es für wahr hält, was er sagt. Darüber hinaus kann nichts zu sagen unaufrichtig sein, wenn es sich um etwas handelt, was der andere wissen sollte. In der Folge werden noch weitere Aspekte angesprochen: Das verlorene Vertrauen, die Manipulation, die Grenzlinie, das Nicht-Verletzen, der höhere Segen. Besonders wichtig erscheint hier zum einen die Manipulation: Man beraubt eine andere Person ihrer Entscheidungsfreiheit, wenn man nicht die Wahrheit sagt. Das gilt auch für's Verschweigen und andere Ausweichstrategien. Selbst, wenn man den Anderen schonen will. Es sei eine Anmaßung besser wissen zu wollen, was der Andere verträgt. Eine Manipulation tritt ein, wenn jemand Entscheidungen trifft, die er so nicht treffen würde, wüsste er die Wahrheit. Der andere wichtige Aspekt ist das Nicht-Verletzen, denn Wahrhaftigkeit ist nur ein Wert unter vielen. Bei der Abwägung ob man lügen darf, soll oder gar muss, möge man die Einschränkung der Freiheit eines Anderen durch Manipulation und das Nicht-Verletzen berücksichtigen.
3. Toleranz
Toleranz kann man nur dann zeigen, wenn es sich um etwas handelt, das man eigentlich ablehnt. Das Element der Ablehnung als notwendiger Bestandteil der Toleranz. Das ist schon ein interessanter Ansatz. Rainer Erlinger diskutiert diesen schwer greifbaren Begriff von verschiedenen Seiten. Er bringt den Aspekt der Menschenwürde ein, dass jeder das Recht hat geachtet zu werden, egal was er sich ausgesucht hat. Auch, dass es ein Gewinn ist andere Sichtweisen kennenzulernen. Er grenzt ab, ob man etwas hinnimmt, weil man machtlos ist oder ob es aus freien Stücken passiert. Und stellt fest, dass es nicht bedeutet tolerant zu sein, wenn man einen anderen einfach nur in Ruhe lässt. Die Grenzen der Toleranz werden ausgelotet, John Rawls interpretiert und natürlich auch Kritik geübt. Schlussendlich, so stellt Rainer Erlinger fest, ist Toleranz besser als ein gewalttätiger Konflikt. Sie muss zu Anerkennung führen oder Ablehnung.
4. Recht und Moral
Warum soll man sich an Gesetze halten? Und was wäre die Alternative. Hier kommt wieder Immanuel Kant ins Spiel, dass man die Freiheit des Einzelnen einschränken muss, um die Freiheit aller nicht zu sehr zu begrenzen. Und Rainer Erlinger geht noch weiter zurück: zu dem Dialog zwischen dem
zum Tode verurteilten Sokrates und
dessen Schüler Kriton.
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Exkurs - gefunden auf der Literaturknoten-Webseiten (Link siehe Kommentar):
Sokrates: Auf keine Weise also soll man Unrecht tun?
Kriton: Nein freilich.
Sokrates: Also auch nicht der, dem Unrecht geschehen ist, darf wieder Unrecht tun, wie die meisten glauben, wenn man doch auf keine Weise Unrecht tun darf?
Kriton: Es scheint nicht.
Sokrates: Und wie doch? Darf man mißhandeln, oder nicht?
Kriton: Man darf es wohl nicht, Sokrates.
Sokrates: Aber wie? Wieder mißhandeln, nachdem man schlecht behandelt worden ist, - ist das, wie die meisten sagen, gerecht oder nicht?
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Am Ende kommt Sokrates den Bitten seines Schülers, sich zu retten, nicht nach. Er hat das Todesurteil akzeptiert, so meint Rainer Erlinger, denn wenn man erwartet, dass andere sich an Gesetze halten, muss man dies auch selber tun. Wer sich freilich mit dem
Phaidon von Platon beschäftigt, wird vielleicht noch weitere Schlüsse ziehen, die dann allerdings über das Thema dieses Hörbuches hinausreichen.
MORAL IM ALLTAGSLEBEN
5. Höflichkeit und Manieren
Hier wird in Erinnerung gerufen, worum es Adolph Freiherr Knigge ging:
Den Umgang mit Menschen. Das Thema des Buches ist nicht die Etikette, sondern das Verhalten gegenüber anderen Personen.
6. Sexualität und Moral
Die Symmetrie der Freiwilligkeit. Die Bedeutung des Begriffes Intim. Vor allem aber: wie wichtig es ist, Rücksicht zu nehmen bei der Einbettung der Sexualität ins Leben.
7. Konsum & Geld
Es beginnt mit dem Boykott von bestimmten Marken (z.B. Shell wg. Ölbohrplattform) bzw. dem Boykott von bestimmten Produkten (z.B. wg. Kinderarbeit). Rainer Erlinger analysiert hier drei Aspekte: die kausale Verursachung, den Summeneffekt und die innere Aufrichtigkeit. Die kausale Verursachung betrifft die Problematik, dass häufig nur ein Teil des Produktzykluses dem Endkonsumenten bekannt ist. Bei dem Summeneffekt verweist er auf Immanuel Kant: man könne Handeln auf die Folgen ausrichten oder auf einen Entschluss/den Willen. Die Folgen sind jedoch für den einzelnen nicht vorhersehbar. Beim Willen jedoch stellt sich die Frage, ob man will, dass jeder so handelt. Mit innerer Aufrichtigkeit ist die Integrität gemeint, die Übereinstimmung von persönlichem Leben/Handeln und der Überzeugung. Weitere Themen im Bereich Konsum/Geld: Politisches Handeln, die Informationspflicht/Frage nach der Bedenklichkeit (und wieder Kant: Aufklärung ist unbequem und mühsam -> Mündiger Konsument), Sparsamkeit als Tugend? Wenn man ein Produkt auf den Preis reduziert kann dies negative Aspekte verstärken. Risiken werden auf die Umwelt, die Gesellschaft verlagert. Zuletzt wird noch der Bereich "ethische Geldanlage" thematisiert.
8. Soziales
Es wird die Abtrennung von Teilen der Bevölkerung angesprochen, der Ausschluss von Gruppen, die sich dann womöglich als Antwort erst recht zurückziehen. Chancengleichheit, Verteilung der Güter und vor allem die sozialen Grundpflichten. Rainer Erlinger äussert sich sehr klar zu der Pflicht Steuern und Abgaben zu zahlen sowie keine unnötigen Leistungen in Anspruch zu nehmen.
.... wird noch fortgesetzt....
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Beide Sprecher drücken sich klar, ausreichend langsam und gut verständlich aus. Man kann dem Inhalt einwandfrei folgen. Es wäre dennoch meiner Meinung nach wünschenswert, wenn man gerade bei gelesenen Sachbüchern auf ausreichend Wiederholungen und Zusammenfassungen achten würde. Das mag bei dem gedruckten Wort oft redundant erscheinen. Bei einem Hörbuch hilft es dem Hörer den Inhalt besser zu aufzunehmen. Ein Musterbeispiel für die Wiederholung des Inhaltes mit anderen Beispielen und Begriffen sind meiner Meinung nach
die JA, ABER...-Hörbücher.
Rainer Erlinger ist (so steht es zumindest auf der CD-Rückseite) promovierter Mediziner und Jurist. Nachdem er als wissenschaftlicher Mitarbeiter, Arzt und Rechtsanwalt gearbeitet hat, veröffentlicht er heute Bücher und Kolumnen zum Thema Ethik. Man kann seine Gedanken wöchentlich in der Süddeutschen Zeitung lesen (Link siehe Kommentar). Wundern Sie sich nicht, wenn Sie Übereinstimmungen zu diesem vorliegenden Hörbuch finden; z.B. seine Ausführungen zum Thema Toleranz auf der ersten CD und sein Beitrag aus dem Heft 10/2011 weisen unüberseh(hör)bare Übereinstimmungen auf (was durchaus für die Konsistenz seiner Gedanken spricht).
Axel Milberg, ist nicht nur einer der gefragtesten deutschen Schauspieler, langjähriges Mitglied der Münchner Kammerspiele und Tatort-Kommissar in Kiel, er ist auch die Stimme von Kurt Wallander in
Vor dem Frost und Sprecher der Mankell-Romane
Daisy Sisters,
Die italienischen Schuhe, u.a.
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3 CDs
Laufzeit ca. 185 Minuten
Sprecher: Axel Milberg und Rainer Erlinger
Regie: Caroline Neven Du Mont
Technik: Christian Zahler/Plan 1. München
Produktion: Der Hörverlag 2011
Basierend auf dem Buch
Moral: Wie man richtig gut lebt von Rainer Erlinger