Wynter fühlt sich endlich wieder zu Hause, als sie mit ihrem Vater zurück in die Heimat kommt. Fünf Jahre war sie mit ihm in den Nordlanden und sehnt sich nun nach den vertrauten Umgangsformen am Hof von König Jonathon. Doch schon bei ihrer Ankunft merkt sie, dass es nicht mehr so ist wie früher, es fängt schon damit an, dass man sie ungewöhnlich lange, auf Einlass wartend, am Tor stehen lässt. Und dann wird ihnen ein Quartier in den Palastmauern zugewiesen, nicht das gemütliche in der Nähe des Flusses. Seltsam ist auch, dass es keine Katzen mehr zu geben scheint und die eine, die sie trifft ist höchst erstaunt, dass sie von Wynter angesprochen wird. Sie erwidert nicht einmal ihren Gruß, so wie das Mädchen das von früher gewohnt war. Selbst Rory, ein Geist und ihr früherer guter Freund, weicht stumm vor ihr zurück und weigert sich, ein Wort mit ihr zu wechseln. Wynter kann sich nicht vorstellen, was in ihrer langen Abwesenheit passiert sein könnte.
Wie froh ist sie da, als sie endlich auf bekannte und freundliche Gesichter trifft! In der Küche wird sie von Marni der Köchin begrüßt. Dort trifft sie auch auf ihren lieben Freund Razi, mit dem sie aufgewachsen ist. Doch etwas stört den harmonischen Einklang. Der Grund ist das Fehlen von Alberon. Er ist der Halbbruder von Razi und seines Zeichens Thronfolger. Jedenfalls dachte Wynter das bisher, denn nun ist ihr Freund einfach nicht mehr da und noch hat sie keine Ahnung, warum. Und dann ist da noch Christopher, der sich ungefragt in ihr Leben schiebt. Er hat keine Ahnung von den Etiketten am Hof und benimmt sich tölpelhaft. Außerdem bandelt er mit jeder Frau an, die ihm schöne Augen macht. Wie kann es sein, dass sich Razi mit diesem dahergelaufenen Kerl angefreundet hat und ihm vertraut? Doch genau das tut er und bittet die beiden darum, sich doch ihrerseits zu vertrauen, was beiden nicht gerade leicht fällt. Angesichts der schwierigen Situation scheint das jedoch gar nicht so verkehrt zu sein...
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"Schattenpfade" ist ein eher zarter Roman. Wer etwas von der berühmten Fantasy-Action mit wilden Schwertkämpfen oder gar riesige Drachen erwartet, ist hier falsch. Diese Geschichte geht tiefer. Auch wenn es Fantasy ist, so stehen doch die Menschen klar im Vordergrund. Man fühlt sich in eine längst vergangene Epoche zurückversetzt, in der bei Hofe Intrigen gesponnen wurden und jeder der Beteiligten sein eigenes Ränkespiel spielt. Trotz der eindeutig historischen Anleihen ist es eine ganz klar fantastische Umgebung, in der "Schattenpfade" angesiedelt ist. Die sprechenden Katzen oder Geister tauchen aber nur am Rande auf und drängen nicht in den Vordergrund, wie man das oft von fantastischen Romanen gewohnt ist.
Die Geschichte um Wynter ist eine sehr emotionale. Das Besondere ist, dass der Handlungsspielraum auf ein Minimum reduziert wurde. Man befindet sich als Leser ausschließlich, gemeinsam mit Wynter und ihren Freunden, am Hof von König Jonathon. Und auch in diesem Rahmen sind die Handlungsorte stark begrenzt. Es sind hauptsächlich die Gemächer von Wynter und ihrem Vater, dazu kommen ab und an die Bibliothek, der Stall, die Küche oder ähnliches. Eine der wuchtigsten und großartigsten Szenen ist die, in der Wynter den Festsaal betritt, der durch die ansonsten eher beengten Räumlichkeiten erst seine fast fassbare Größe entwickelt. Es ist eine Kunst, den Leser zu fesseln, wenn man sich ausschließlich auf die Figuren konzentriert. Der Autorin Celine Kieran ist das aber großartig gelungen. Man kann sich schnell in Wynter hineinversetzen und mit ihr fühlen. Die Autorin nimmt sich sehr viel Zeit für ihre Figuren, weshalb man eine besondere Verbindung zu ihren aufbaut. Erst in der letzten Szene verlassen die Protagonisten des gewohnte Territorium, was einen großen Wechsel im zweiten Band der Reihe ankündigt. Man darf also gespannt sein, ob Celine Kieran den verzaubernden Charme von "Schattenpfade" fortsetzen kann.