Yundi Li hat sich nach der Beschäftigung vorwiegend mit Chopin und Liszt nun an Beethoven'sche Schlachtrösser herangemacht, die wir schon von gefühlten Hundertschaften Aufnahmen aus vielen Jahrzehnten kennen. Braucht es diese neue Einspielung? Nach zweimaligem Hören glaube ich eher nicht. Man wird das Gefühl nicht los, dass Yundi Li auf Biegen und Brechen seine eigene Persönlichkeit in die Waagschale werfen wollte, was meines Erachtens den Werken nicht nur gut bekommt. Zweifellos ist er ein technisch sehr ausgereifter Pianist, und auch die Entscheidung, Beethoven gegen den Zeitgeist romantisch zu spielen, ist durchaus interessant. So geraten die Tempi im ersten Satz der Mondscheinsonate eher langsam und bedeutungsschwanger, der dritte Satz stürmisch und schroff, und die Pathétique laviert zwischen Schwere und Übermut. Was mich aber definitiv stört, ist das beim Hören mich beschleichende Gefühl, dass im Angesicht der übermächtigen Konkurrenz unbedingt etwas Originales und Perfektes geschaffen werden wollte - wobei schlussendlich brillante Austauschbarkeit erreicht wurde. Keine Spur von hinterfragender Störrigkeit oder suchender Originalität, wie es beispielsweise Sokolov, Schiff oder sogar der späte Pollini bieten. Trotz Kanten und Klüften blieben diese Pianisten immer ganz nahe bei Beethoven und haben sich mit seinen Werken extensiv auseinandergesetzt.
Darum: Schön, dass es die Deutsche Grammophon immer noch wagt, CD's mit klassischen Programmen zu produzieren (und nicht nur irgendwelche Marketing-Gags, die kaum Bestand haben werden) - diese Aufnahme wird aber kaum irgendwann in die Great Recordings eingereiht werden.