INTRO
Ihre letztjährige Single "Le Soleil Est Près De Moi" war in UK ein Kulthit. Ansonsten sind die beiden Franzosen Nicholas Godin und Jean-Benoit Dunckel bis dato ein eher spärlich beschriftetes Blatt. Dank ihrer '95er 12" "Modular Mix" und des Nachfolgers "Casanova 70" hat man sie, wenn überhaupt, irgendwo im Definitionswirrwarr des EasyListening-Spektrums abgelegt. Das wird sich zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Reviews schlagartig geändert haben. Denn das Album ist veröffentlicht, und AIR sind massive, sind die neuen Lieblinge von NME und MAKER und durften bereits den altehrwürdigen Spiegel von innen sehen. Die Briten deuten zwischen jeder zweiten Zeile an, daß sie vorhaben, sich vor dem Duo ähnlich widerstandslos zu Boden zu werfen, wie sie es letztes Jahr etwa zum selben Datum vor einem anderen französischen Elektronikpärchen taten. Wo DAFTPUNK mit ihren Klängen allerdings zielgenau den Twentysomethings deren Hintern auf die Tanzfläche traten, offenbart sich den Schöpfern von "Moon Safari" bezüglich ihrer Kreatur ein gänzlich neues und überaus eigentümliches Phänomen: Nicholas muß zugeben, daß alle seine ehemaligen Lehrer das Album außerordentlich ansprechend fänden, und Jean-Benoit räumt im selben Atemzug ein, daß selbst die Verwandschaft es überaus positiv aufnähme, die älteren Herrschaften - einschließlich der Großmutter - allerdings deutlich begeisterter als die Kids. Bei näherer Betrachtung eigentlich nicht weiter verwunderlich, treffen hier doch Welten ("Bilitis"-Soundtrack meets ELO zu "Discovery"-Zeiten) zusammen, die die Generation der heute Zwanzigjährigen tatsächlich nur als Secondhand-Erfahrung bereist haben kann. Die "Moon Safari" ist definitiv Pop; noch deutlicher als die der geschlechtlich schwingenden Franco-Beat-Epen der Siebziger spricht sie die Sprache der BEACH BOYS und der BEATLES. Die des guten, des reifen Pop-Songs.AIR ist süß, aber leicht, fast schon schwerelos ... und klebt nicht. Luftschokolade. Schwebt sogar über Milch. Dabei bedient sich das Duo mit beiden Händen so großzügig aus dem großen Topf of the Pops, daß sein Werk es an Zitaten fast schon überreichlich hat, wählt dabei allerdings dermaßen stilsicher aus, daß Songs wie "New Star In The Sky" nicht nur nie überladen, sondern so gar nicht beladen wirken. The making of "Für eine Handvoll Klasse". Zeitlosigkeit als Slacker. Ideal. Wenn Jean-Benoit sagt: "In zwei Jahrzehnten schauen die Leute auf die Musik dieser Ära zurück, und GOLDIE und die BEACH BOYS scheinen für sie zum selben Zeitpunkt zu geschehen. Zwanzig Jahre sind gar kein so großer Sprung - die meisten Menschen werden dann wahrscheinlich gar nicht mehr sagen können, was vorher da war, Drum&Bass oder die BEATLES", dann klingt das für einen mittels Harmonizer Nachtclubschönheiten imitierenden Twen fast schon unangemessen abgehangen. Was auf den Punkt genau den Reiz des Albums ausmacht: "Moon Safari" ist geradezu obszön relaxt. Haben müssen!
Stephan Glietsch / © Intro - Musik & so
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