Aus der Amazon.de-Redaktion
Egolf erzählt die Lebensgeschichte des John Kaltenbrunner, eines skurrilen Außenseiters und grandiosen Pechvogels, dem vom Schicksal und den Bewohnern Bakers immer wieder übel mitgespielt wird. Da er schon früh den Vater verloren hat und die Mutter seitdem in Lethargie verharrt, nimmt sich John noch vor seiner Pubertät vor, aus der maroden Farm ein florierendes Geflügelunternehmen zu machen. Alles läuft gut, bis ein verheerender Tornado die Farm in Schutt und Asche legt.
Aber damit nicht genug: Als seine Mutter schwer erkrankt, machen sich gierige "Methodistenvetteln" daran, John auch noch um den verbliebenen Rest an Hab und Gut zu bringen. John verbarrikadiert sich auf der Farm, bis er mit Gewalt herausgeholt und zu drei Jahren Arbeitsdienst auf einen Frachtkahn verurteilt wird. Und auch nach seiner Rückkehr findet der Unglücksrabe keine Ruhe: Immer wieder wirft ihn das Schicksal zu Boden und die Bewohner Bakers trampeln weiter auf ihm herum. Und erst als John bei der städtischen Müllabfuhr landet, bietet sich eine Chance auf die lang ersehnte Rache: Er führt die Müllmänner in einen Streik, der Baker einen Albtraum aus Dreck und Gestank beschert.
Egolfs Roman ist eine einzige gnadenlose Abrechnung mit dem Provinzleben. Süffisant und genüsslich zelebriert er eine Destruktionsorgie nach der anderen und treibt seinen Held wie dessen Widersacher in immer aberwitzigere Situationen. Ein bemerkenswertes Debüt, mit einem Helden, der das literarische Kabinett grotesker Figuren um ein vollwertiges Mitglied bereichert. --Harald Stucke
Neue Zürcher Zeitung
Tristan Egolf malt die Schrecken amerikanischen Landlebens
«Furios»: So nennen Rezensenten interessante Débutromane gerne, wenn sie nicht recht wissen, wohin mit ihnen. Auch Tristan Egolfs «Monument für John Kaltenbrunner» ist so ein Fall, doch der Furor ist hier durchaus wörtlich zu verstehen. Kawumm, peng, berst so donnert es einem aus diesem nicht eben dünnen Band auf konstant schmerzhaftem Dezibel-Level entgegen. Etwa ein Fünftel des Buchumfangs, so scheint es zumindest, ist der Schilderung von Massenschlägereien gewidmet die subtileren Qualitäten des Buchs dringen da kaum noch durch.
John Kaltenbrunner kommt im Provinznest Baker im amerikanischen Corn Belt auf die Welt. Sein Vater, der charismatische Vizechef einer Kohlenmine, starb drei Monate zuvor bei einem Grubenunglück. John ist vaterlos, haltlos, orientierungslos bis er die heruntergekommene Farm der Eltern als idealen Gegenstand entdeckt, an dem er seine unerschöpfliche Energie austoben und bei sich sein kann. John hat kaum Schreiben und Lesen gelernt, da feiert er Züchtungserfolge, wendet neueste landwirtschaftliche Techniken an. In die Schule will er nicht mehr.
So beginnt Egolfs Buch als Bildungsroman über einen Helden, der Bildung ablehnt und nur sich selbst zum Lehrer hat. Es ist die Geschichte eines Genies als Bauer, eines frühreifen Virtuosen der Mistgabel; eines Freigeists, der ebenso borniert ist wie seine Umgebung; eines Aussenseiters, der sich, statt die verhasste Heimat zu verlassen, auf seiner Farm verschanzt, um dort das zu tun, was die anderen auch machen nur besser. Egolf nimmt klassische Topoi auseinander und baut sie mit wechselndem Erfolg zu Paradoxien wieder zusammen.
Ob Schuldirektor, Klassenkameraden oder die eigene Mutter: John, dessen Horizont nicht weiter reicht als die Stadtgrenze des muffigen Landnestes, hat für die Welt nur Verachtung übrig. Zunächst erscheint der Hass reichlich unmotiviert. Mit pubertärer Sturheit provoziert das Landwirtschaftstalent seine angebliche Unterdrückung. Erst als eine Bande scheinheiliger «Methodistenvetteln» die Farm übernehmen will, die ihnen die sterbende Mutter vererbt hat, wendet sich das Blatt. John liefert der Polizei eine hitzige Schlacht und wird schliesslich zu drei Jahren Arbeit auf einem Flussschiff verurteilt. Seine Mutter ist tot, das Erbe verloren.
Ein Aussenseiter hat Unrecht erlitten und wird, ohne sich schuldig gemacht zu haben, aus der Stadt gejagt. Körperlich und spirituell bis zur Unbesiegbarkeit gestärkt kehrt er einige Zeit später zurück. Gemeinsam mit anderen Underdogs nimmt er Rache und zwingt als Held die früheren Feinde in die Knie. Mit Kaltenbrunners Geschichte interpretiert Egolf diesen klassischsten aller Western-Topoi neu. Zurück in Baker, heuert sein Rebell nach einer Reihe anderer schauerlicher Jobs bei der Müllabfuhr an. Schnell schwingt er sich zum agent provocateur eines wilden Streiks auf, der die Stadt ins stinkende, ungezieferverpestete Chaos stürzt.
Mit dem fulminanten ersten Drittel des Buchs erwirbt sich Egolf einen fast unbegrenzten Kredit beim Leser. So sicher kreuzt Egolf hier die Konfliktlinien, so vielversprechend sind die Motive, die hier angelegt werden, so bizarr das vor allem ist die Welt, die er darstellt. Mit gängigen Amerika-Bildern, ob positiv oder negativ, hat sein finsteres Porträt der Maisfeld-Provinz nichts zu tun. Viel näher liegt es an Vorstellungen vom europäischen Mittelalter. Die Gesellschaft ist in Stämme und Clans organisiert, Volkstribune und Rattenfänger haben leichtes Spiel. Sektierertum, Aberglaube und absurde Heilslehren beherrschen die Köpfe. Zivilisation und Vernunft sind wie Sprachen, die niemand je wirklich gelernt hat. Die Welt endet auf der anderen Seite des Flusses.
Egolf will diese Chaosbilder à la Hieronymus Bosch Frank Heiberts glänzende Übersetzung gibt sie in aller Farbenpracht wieder nicht als plumpen gesellschaftskritischen Kommentar verstanden wissen. Er malt an ihnen so unbekümmert und souverän, als sehe er einfach nichts anderes. Doch an Sprache und erzählerischer Ökonomie zeigt sich bald die Kehrseite dieser Unbekümmertheit. Egolf ist verliebt in Hyperbeln, und wenn er eine schöne gefunden hat, muss er eine weitere finden, um zu zeigen, dass extrem für ihn nie extrem genug ist. Die Serien massloser Vergleiche rauben dem Buch bald ebenso die Kraft wie die sensationalistischen Schlachtengemälde, in deren Details sich Egolf seitenlang verliert. Anfangs verwechselt man die ständige Überhitztheit mit Lebendigkeit und Inspiriertheit. Ist man einmal akklimatisiert, fallen einem der dürftige Inhalt und die ungeschlachte Ausführung auf. Die Figuren mögen heftig bluten, sie bleiben dennoch fleischlos. Johns Motive, das ganze Konzept seines Lebens erscheinen immer nebulöser. Nach dem ersten Drittel weiss der Roman nicht mehr, wohin er will. Ab hier sucht auch der Leser immer rascher blätternd den Ausgang.
Jörg Häntzschel
Pressestimmen
»Der Roman ist wie die Sprache, in der er geschrieben ist: direkt, derb, atemlos, voll übersprudelnder Fantasie - und dabei so böse, so bitter und so witzig.«
(Benjamin Wagener Schwäbische Zeitung )