"Vater der Oper" und "Vater der modernen Musik", so nennt man den am 15. Mai 1567 in Cremona geborenen (oder getauften) Claudio Monteverdi. Nun ja, die Oper hat er nun nicht erfunden, aber ohne sein Wirken wäre sie wohl kaum den Kinderschuhen entwachsen. Seinen Lebensweg und einen Großteil seiner Werke zu rekonstruieren ist eine schwierige Aufgabe, vieles ging durch Unglücksfälle und Kriege verloren oder wurde unwiederbringlich zerstört.
Als sicher kann gelten, dass Monteverdi bereits mit 15 Jahren als Schüler des Komponisten Marco Antonio Ingegneri erste Werke veröffentlichte. Um 1590 trat er in die Dienste der Herzöge von Mantua und wurde 1602 von Vicenzo I. Gonzaga zum "maestro di capella" ernannt. Der Hof von Mantua war in der ausgehenden Renaissance eine zentrale Pflegestätte von Literatur und Musik, im Auftrag der Fürsten schufen Monteverdi und viele weitere Künstler Werke, ohne die die moderne Musik und vor allem die Oper in ihrer heutigen Form kaum denkbar wäre. Leider wurden durch die Plünderung und Brandschatzung Mantuas im Jahr 1630 viele dieser wichtigen Musikstücke zerstört, von Monteverdis Opern dieser Zeit blieben nur das Lamento aus "Arianna" und glücklicherweise die ältere "favola in musica", der "Orfeo" komplett erhalten.
"L' Orfeo" erklang erstmals zum Auftakt des Karnevals 1607 im Palast von Mantua. Den Anfang machte ein Naturtrompetenstück, das noch heute, sozusagen als Ouverture, Aufführungen des "Orfeo" vorangestellt wird, obwohl es mit der Oper eigentlich nichts zu tun hat. Den wirklichen Beginn markiert der Prolog, in dem ein "Ritornello" erklingt, das sich, immer in leicht abgewandelter Form, quasi als Leitmotiv durch den ganzen "Orfeo" zieht. "La Musica" (bei der Uraufführung wahrscheinlich die Herzogin selbst) steigt von ihrem geliebten Parnaß herab und kündigt dem Publikum eine Fabel an. Als Thema wählt sie sich (kann es für die älteste erhaltene Oper einen besseren Stoff geben?) die griechische Sage von göttlichen Sänger Orpheus, der seine von einer giftigen Schlange getötete Gattin Eurydike aus der Unterwelt zurückholt.
Monteverdis Opern blieb, anders als denen vieler weiterer Komponisten, das Schicksal erspart, in Bibliotheken und Archiven zu verstauben. Zu wichtig war der Einfluß des "Vaters der Oper" auf die nachfolgenden Generationen. Die beiden großen Opern - Reformatoren Gluck und Wagner beriefen sich auf ihn, viele Komponisten der Moderne (Respighi, Krenek, Orff, Dallapiccola, um nur die Bekanntesten zu nennen) nahmen sich den alten Meister zum Vorbild und stellten bühnengerechte Neufassungen seiner Opern her. Die waren nötig geworden, weil vor allem die von Monteverdi eingesetzten Instrumente im Lauf der Jahrhunderte immer mehr in Vergessenheit gerieten und nur noch wenige wussten, wie man ein Dulzian, ein Regal oder Naturtrompeten spielt, bzw. was das überhaupt ist. Monteverdis Opern wurden über lange Zeit hinweg mit den heute üblichen Orchesterinstrumenten gespielt, wodurch sein Werk zwar in Erinnerung blieb, seine volle Schönheit jedoch nicht zum Ausdruck gebracht werden konnte.
Am meisten verdient um die alte Musik machte sich der Dirigent Nikolaus Harnoncourt mit seinen Concentus musicus Wien. 1953 gründete er dieses Orchester mit einigen jungen Musikern aus den Reihen der Wiener Symphoniker. Sein Ziel war es, die Musik vergangener Epochen mit den Originalinstrumenten wieder zum Leben zu erwecken. Harnoncourt und dem Regisseur Jean - Pierre Ponnelle ist es zu verdanken, dass die drei erhaltenen Monteverdi - Opern heute, mit den vom Komponisten geforderten Instrumenten gespielt, wieder ein quicklebendiges Bühnenleben führen.
In dieser 1968 entstandenen Gesamtaufnahme gibt es einiges zu entdecken. Viele Instrumente waren jahrhundertelang fast vollkommen verschwunden, ihre Wiederentdeckung durch Harnoncourt und sein Spezialorchester verleiht dieser Einspielung einen unverwechselbaren und unvergesslichen Klang. Sehr selten hört man heutzutage Lauten, Gamben, Zinken oder Virginale in einem Opernhaus.
Zum Zeipunkt der Entstehung war diese Aufnahme eine Pioniertat und eine wahre Sensation. Heute gibt es natürlich mehrere Orchester und Dirigenten, die sich auf Spätrenaissance - oder Barockmusik spiezialisiert haben. Die Technik wurde verfeinert und der Umgang mit historischen Instrumenten ist für solche Musiker zur Routine geworden. In dieser Aufnahme klingt so einiges noch unerprobt, vor allem die Naturtrompeten am Anfang werden ein wenig unbeholfen gespielt. Von ihrer Faszination hat diese Einspielung jedoch auch nach fast 40 Jahren nichts eingebüßt.
Das Stück ist nach dem Vorbild der altgriechischen Tragödie gebaut. Ein Großteil der Handlung spielt sich jenseits der Bühne ab und wird durch Botenberichte erzählt. Faszinierend ist Monteverdis Fertigkeit, die jeweilige Stimmung durch den Einsatz der verschiedenen Instrumente zu erzeugen. So erklingen bei der Hochzeit von Orpheus und Eurydike vor allem Instrumente, die festliche und fröhliche Atmosphäre erzeugen, so die Violinen, Chitarrone und das Cembalo. In den düsteren Unterweltszenen dagegen herrschen das Regal, sowie Zinken und Posaunen vor, die für ein gänzlich anderes, unheimliches Klanggemälde sorgen.
Auch in der Darstellung strebte Harnoncourt nach größtmöglicher Authenzität und hielt sich eng an die Vorgaben von Monteverdi und seinen Zeitgenossen, die der Improvisationslust der Sänger dramaturgisch begründete Riegel vorschoben. Nur die "kleineren" Rollen bekommen die Gelegenheit, ihre Arien mit Koloraturen zu verzieren, die Hauptrollen dagegen haben sich an die vorgeschriebene Gesangslinie zu halten, wodurch sie stets ernsthaft und glaubwürdig wirken.
Da das Stück noch recht statuarisch gebaut ist, kann man über die Leistung der Sänger nicht allzu viel sagen. Alle halten sich an Harnoncourts Vorgaben und wachsen so zu einem geschlossenen und hochklassigen Ensemble zusammen.
Lajos Kozma als Orpheus gefällt durch seinen warmen, hohen Bariton und durch seine sehr klare und textverständliche Stimmführung.
Gleiches gilt für Rotraud Hansmann in der Rolle der Musica / Eurydike. Auch sie verziert ihre Darbietung nur mit den von Monteverdi geforderten Koloraturen und verleiht damit ihren Rollen Glaubhaftigkeit.
Hervorzuheben wäre noch der unheimliche Caronte von Nikolaus Simkowski, die gefühlvolle Eiko Ktatnosaka als Proserpina und Jacques Villisech als beeindruckender Plutone.
Wunderschön arrangiert sind die für diese Oper sehr wichtigen Chöre. In dieser Einspielung singt die ebenfalls auf alte Musik spezialisierte Capella antiqua München unter der Leitung von Konrad Ruhland.
Man ersteht mit dieser Aufnahme also nicht nur eine von Nikolaus Harnoncourt mit großer Disziplin im Sinne des Komponisten geleitete Aufführung der ältesten erhaltenen Oper, sondern auch ein wichtiges Tondokument, das für die Wiederentdeckung vieler weiterer verschollen geglaubter Musikschmuckstücke den Anstoß gab.