Basis dieser hautnah, realistisch drastischen Umsetzung ist das scharfsinnige Libretto von Busenello in seiner zynisch realistischen Konzeption. Er verweist in seiner zeitlosen Substanz unmittelbar in die Moderne dieser Inszenierung.
Damit ist klar, daß diese Inszenierung keineswegs für den traditionellen Geschmack geeignet ist. Alle, die es bei aller Brisanz des Librettos, lieber gepflegt stilistisch mögen, sollten zwingend Abstand nehmen.
Singschauspielerisch wird auf einer extrem kargen, durch schwarz-weiss Kontraste dominierten Bühne, ein zeitloses Sittengemälde in aller brutalen Härte umgesetzt. Alle Sänger liefern in ihren Rollen eine interaktionistisch schauspielerisch hervorragende Leistung, die brutal und exzessiv bebildert ist.
Brigitte Christensens cremiger Sopran überzeugt als Poppea, wie auch ihre Gegenspielerin Ottavia, gesungen von Patrizia Bardon mit dramatisch involvierender Mezzo-Attacke.
Ottone wird vom Altus Tim Mead subtanzvoll interpretiert. Die sopransilbrige Marita Solberg ist Drusilla, mit schlank blühendem Sopran. Die Arnalta wird hervorragend porträtiert von Emiliano Gonzalez Toro. Der Seneca ist von Giovanni Battista Parodi solide gesungen, eine vielleicht etwas zu junge Stimme für diese Rolle. Jacek Laszczkowski ist Nero. Er interpretiert mit seinem Counter-Tenor sehr virtuos und schauspielerisch sehr überzeugend.
Rein geschmacklich ziehe ich Mezzo Besetzungen für Kastratenrollen vor. Aber gerade dieser Counter könnte auch viele begeistern. Die Affinität für diese Stimmfarben ist eben extrem unterschiedlich.
Alesandro de Marchi dirigiert das Norwegian National Opera mit vielen percussiven Elementen.
Insgesamt eine personendramatisch, realistisch brutal akzentuierte Inszenierung, die bei Befürwortern moderner Regiekonzepte begeisternd aufgenommen werden könnte, aber keinesfalls etwas für den traditionellen Geschmack ist.
Anmerkungen zur Aufführungspraxis von Werken:
Die Originalpartitur dieser Oper ist nicht erhalten. Die beiden überlieferten Abschriften aus den 1650er Jahren weichen wesentlich voneinander ab. Beide unterscheiden sich auch vom Libretto. Wieviel der Musik von Monteverdi selbst ist, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Insofern zeigt sich auch an diesem Beispiel mal wieder, wie es um die Vorstellung bestellt ist, man solle Werke so aufführen, wie sie vom Komponisten erdacht wurden. Solche allzu romantischen Vorstellungen entbehren jeder inhaltlichen Verankerung in den gegebenen Fakten. Gleiches gilt natürlich auch für die optische Umsetzung von Werken. Auch die traditionellen Inszenierungen sind Interpretation, die zwingender Bestandteil sind, um von der Theorie auf die Bühne zu kommen. Dabei spielt der Zeitgeist eine entscheidende Rolle. Die Wahrnehmungs-und Bewertungsspektren haben sich diesbezüglich durch die Jahrhunderte erheblich verändert. Was geblieben ist, sind die menschlichen Konfliktmuster in stetiger Abfolge, in ihren Grundstrukturen fast unverändert, nur durch die gesellschaftlichen Gegebenheiten gespiegelt. Insofern ist es auch kein Problem adäquate neuzeitliche Handlungsverortungen durchzuführen. Eine andere Frage ist, ob das sein soll, bzw. ob man das mag. Wenn Komponisten optische Vorstellungen von der Aufführung ihrer Werke hatten, wie z.B. Richard Wagner, so waren das lediglich Erstvorstellungen um auf die Bühne zu kommen, zwangsläufig natürlich ausgerichtet an den begrenzten technischen Bühnenmöglichkeiten der jeweiligen Zeit, sehr oft absolut unbefriedigend für die Komponisten.
Da alles letztlich Interpretation ist, gibt es auch keine einzig optische Form, keine einzig werkgerechte Umsetzung. So etwas ist eher fiktional, unwissende Phantasie des Wünschens, ausgerichtet an bildungsbürgerlichen Vorstellungen von Kunst, die primär als Weihe- und Kultobjekt zur Statusbestimmung oder zur individuell sinnstiftenden Matrix degeneriert, aber nicht in die gesellschaftspolitischen Prozesse eingebunden ist. Die Freiheit der Kunst wird immer auch Kontroverse bedeuten, aber eben befruchtende im Fluß des Lebens, keine Erstarrung.