Geheimnisse und Schreckenserlebnisse in und um alte Schlösser und Klöster sind längst fester Bestandteil der Literatur geworden und hier zum überwiegenden Teil in der Fantasy-Sparte angesiedelt. So auch MONTE CARANOS. Berichtet wird von einem alten Kloster, in dem genau alle 66 Jahre auf teils geheimnisvolle, teils grausame Weise Gäste der frommen Brüder verschwinden. Die zwanzig Kapitel beginnen anno domini 732 und enden im Jahre 1986. Sie sind jeweils abgeschlossen und von verschiedenen Autorinnen und Autoren verfasst, denen erkennbar viel Freiheit zugestanden wurde, ihren Fantasien freien Lauf zu lassen. Es handelt sich also um eine Anthologie. Damit das angestrebte Konzept aber nicht aus dem Ruder lief und um Widersprüchliches zu vermeiden, waren gewisse Vorgaben zur Geschichte und zu den Riten und Ritualen des Klosters ebenso unvermeidlich, wie ein Handlungsrahmen um den alle 66 Jahre auflebenden Dämon. Dies war zwar notwendig, hat aber auch seinen Preis; denn der Leser ahnt zu häufig das Ende der jeweiligen Episode.
Aber dieses kleine Manko wird vollauf wettgemacht dadurch, dass fast alle Geschichten eingebettet sind in die historisch-geschichtlichen Ereignisse der entsprechenden Epochen. Hier mischen sich Dichtung und Wahrheit in geschickter Weise, so dass der Leser sich willig dieser scheinbar gar nicht so abwegigen Fantasiewelt hingibt. Und das umso mehr, je weniger in einem Kapitel das Horror-Szenario verbal überzeichnet wird. Denn Grauen, das im Leser aus dem Unerklärlichen in einer realen Umwelt erwächst, ist oft wirkungsvoller als das mit bloßen Worten quasi vorgefertigte.
Doch es gibt auch Tröstliches am Rande, z.B. wenn die Liebe über Kriegshass siegt und hier auch tatsächlich überlebt, - wie übrigens auch Papst Pius II., der nur mit knapper Not dem bösen Dämon entkommt. In einem anderen Kapitel stellt sich die Frage: War es Mord oder war es wieder dieses ungeheuer grausame Etwas? Und schließlich stellt sich eine Episode in Briefform dar und lässt das Ende offen. Für Abwechslung ist also gesorgt.
Unter den Autorinnen und Autoren finden wir solche, die bereits Bücher und Kurzgeschichten veröffentlicht haben, aber auch Neulinge sowie Stammautoren des Verlages. Das Niveau ist jedoch so ausgeglichen, dass beim Lesen keinerlei Zuordnung möglich ist.
Je weiter die Geschichten in die Historie zurückreichen, desto mehr wird auch deren Sprache blumig, poetisch und etwas altertümlich eingefärbt, was sich zwar nicht ganz so flüssig liest, dafür aber umso authentischer wirkt. Dies wird gleich zu Beginn im gebetsähnlichen Vorwort deutlich, mit dem der amtierende Abt um Gottes Gnade für sein Kloster und seine Brüder bittet.
Wo liegt dieses Kloster eigentlich? Versteckt in den sanften Hügeln der Toscana. Umgeben von Weinreben, Disteln und morgendlichem Nebel. Gastfreundschaft wird ganz groß geschrieben. Und wer hier anklopft, dem wird aufgetan. Interessenten sollten allerdings unbedingt von jedweden Besuchen im Jahr 2052 absehen. Warum? Nun, das verrät dieses Buch in eindringlicher Weise ...
MONTE CARANOS - kein Buch für unverbesserliche Realisten! Aber ein spannendes, interessantes Buch für Fantasy-Freunde!